10 Originalgedichte
Frühlingsgedichte zwischen Aufbruch, Wetter und Alltag
Zehn neue Gedichte betrachten den Frühling in Stadt, Garten, Feld und Innenraum – nicht als Versprechen, sondern als wechselnde Wirklichkeit.
Diese Frühlingsgedichte handeln von sichtbaren Veränderungen: einem Fleck nasser Erde, längeren Abenden, offenen Fenstern, staubigen Wegen und Händen, die wieder etwas anfangen. Der Frühling erscheint dabei nicht als makelloser Neubeginn. Er bringt Arbeit, Pollen, Kälte hinter hellem Himmel und Entscheidungen, die noch keine Richtung haben.
Die Sammlung folgt keiner festen Erklärung, sondern bewegt sich durch verschiedene Räume und Stimmen. Manche Verse halten einen kleinen Moment fest, andere bleiben absichtlich unentschieden. Gemeinsam ist ihnen der Blick auf das, was sich verändert, bevor es einen Namen bekommt.
Ränder werden sichtbar
Die ersten Gedichte beobachten kleine Verschiebungen im Gewohnten: im Innenraum, auf der Straße und an einem Ort, der zwischen Pflege und Wildnis liegt.
Staub auf der Fensterbank
Ein stilles Gedicht über Licht, Haushalt und einen Tag, der sich vorsichtig verlängert
Am Morgen liegt der Staub
nicht mehr im Schatten.
Er zeigt jede Bewegung,
die gestern niemand sah.
Ich stelle die Tasse beiseite,
nehme ein Tuch,
verfehle die Ecke
und lasse sie so.
Draußen schiebt ein Bus
seinen warmen Atem
durch die Straße.
Im Fenster gegenüber
öffnet jemand beide Flügel.
Für einen Augenblick
sieht die Wohnung größer aus.
Dann setzt sich wieder alles.
Unter der Brücke wird es grün
Eine urbane Szene zwischen Pendelverkehr, Beton und einem kaum beachteten Farbfleck
Unter der Brücke,
wo die Fahrräder klappern,
steht ein Löwenzahn
im Kies.
Die Ampel springt gleich um.
Ein Lieferwagen hupt,
als könne Eile
den Morgen beschleunigen.
Neben mir telefoniert eine Frau:
Nein, sagt sie,
heute nicht im Büro.
Der Zug über uns
zieht einen langen Schatten
über das Gelb.
Als er fort ist,
bleibt die Blüte stehen,
kleiner als ein Schild,
aber nicht zu übersehen.
Das Beet vom Vorjahr
Ein Gartengedicht über Rückstände, vorsichtige Pflege und das Ungeplante
Die Stangen vom letzten Jahr
liegen noch hinter dem Schuppen.
An einer klebt ein Etikett,
auf dem nichts mehr lesbar ist.
Ich ziehe die Handschuhe an,
lockere den Boden,
finde einen Stein,
einen Löffel,
eine Zwiebel, die keiner bestellt hat.
Im Beet stehen Halme,
die sich nicht entscheiden,
ob sie Unkraut sind
oder nur später dran.
Ich lasse ihnen den Vormittag.
Am Nachmittag sehen wir weiter.
Laune des Himmels
Diese Texte halten den unbeständigen Frühling aus: Helligkeit und Kälte, Pollen und Regen, Erwartung und der kleine Widerstand des Körpers.
Sonne mit Gebrauchsanweisung
Ein humorvoller Blick auf einen Apriltag, der sich nicht an seine eigene Helligkeit hält
Die Sonne hängt am Himmel,
aber nur unter Vorbehalt.
Bitte nicht länger als sieben Minuten
im Freien verwenden.
Danach: Wind.
Danach: Regen,
fein wie eine Rechnung,
die man nicht erwartet hat.
Der Nachbar trägt Sandalen
und eine Wollmütze.
Sein Hund hält beides
für vernünftig.
Ich nehme den Schirm,
trage ihn durch den Laden
und komme trocken nach Hause.
Dort tropft er
auf den Küchenboden.
Pollenflug
Ein zurückgenommenes Gedicht über eine helle Außenwelt und den Wunsch, trotzdem hinauszusehen
Auf dem Geländer liegt Gelb.
Nicht der freundliche Ton
vom Umschlag,
sondern etwas Feineres,
das in die Augen will.
Ich schließe das Fenster,
obwohl der Hof
so offen aussieht.
Die Nachbarin hängt Wäsche auf,
niest dreimal,
lacht beim vierten Mal
über sich selbst.
Ein Laken löst sich vom Wäscheständer,
segelt in den Hof,
bleibt am Zaun hängen.
Auch das ist draußen,
denke ich,
und sehe ihm nach.
Hand anlegen
Arbeit, Material und Bewegung rücken in den Vordergrund. Der Aufbruch zeigt sich hier weniger als Gefühl denn als Tätigkeit mit Schmutz an den Händen.
Die erste Furche
Ein erdverbundenes Gedicht über Feldarbeit, Verantwortung und den nüchternen Beginn
Der Traktor setzt an,
als müsse er sich erinnern,
wo das Feld aufhört
und der Weg beginnt.
Hinter ihm öffnet sich Erde,
dunkel, schwer,
mit Steinen vom Winter
und einem Stück blauem Plastik.
Der Bauer steigt ab,
hebt es auf,
steckt es in die Jackentasche.
Am Rand wartet eine Krähe.
Sie weiß nichts von Aussaat,
aber sie weiß,
dass frische Furchen etwas freigeben.
Der Motor springt wieder an.
Der Tag wird nicht schöner.
Nur bearbeitbar.
Neue Schuhe im Lehm
Ein kompaktes Stück über Vorhaben, die sofort ihre saubere Oberfläche verlieren
Ich wollte heute anfangen.
Der Weg war weich.
Nun tragen meine Schuhe
zwei braune Kontinente.
Im Schuhkarton liegt
noch das Papier,
als hätte es recht behalten.
Die Liste der Samen
Eine direkte Ansprache über gemeinsames Planen, kleine Unsicherheit und geteilte Arbeit
Du hast die Tütchen alphabetisch geordnet,
als ließe sich aus Körnern
und Buchstaben ein Plan machen.
Mohn neben Mangold,
Erbsen unter E.
Die Tomaten fehlen.
Du sagst, wir kaufen sie später.
Auf dem Tisch liegt Erde,
obwohl niemand sie hereingetragen hat.
Sie steckt in den Rillen deiner Hände,
in meinem Ärmel,
im Falz der Liste.
Wir teilen die Reihen auf.
Du nimmst die kurzen.
Ich nehme die, deren Namen
wir beide falsch aussprechen.
Hinter dem Fenster zieht eine Wolke vorbei.
Du hältst den Bleistift hin,
bis sie aus dem Licht ist.
Was bleibt offen
Zum Schluss stehen Übergänge nicht als Lösung bereit. Die Gedichte lassen Verschiedenes nebeneinander gelten: einen Abschied, einen unfertigen Raum und eine Bewegung ohne große Geste.
Apfelblüte im kalten Wasser
Ein ruhiges Gedicht über Pflege, Verlust und die Unsicherheit eines neuen Zimmers
Im Glas auf dem Fenstersims
steht ein Zweig,
den du gestern abgeschnitten hast.
Die Blüten halten sich,
obwohl der Zweig
keinen Baum mehr kennt.
Ich wechsle das Wasser,
leere den alten Krug,
finde darunter einen Knopf,
den ich dir noch geben wollte.
Draußen schlägt Regen
gegen die Scheibe.
Die Blüten bewegen sich nicht.
Im Zimmer ist Platz geworden.
Noch weiß niemand,
wofür.
Nach dem Frost
Ein offener Schluss über einen Weg, der sichtbar wird, ohne schon ein Ziel zu versprechen
Am Morgen ist der Boden hart.
Die Pfützen tragen dünnes Glas.
Jemand hat über Nacht
zwei Bretter an den Graben gelegt.
Nicht gerade,
nicht für immer.
Ich probiere sie aus,
eins nach dem anderen.
Unter mir knackt das Eis.
Neben mir steht Schilf,
noch grau vom vergangenen Jahr.
Auf der anderen Seite
beginnt kein besonderer Ort.
Nur ein Feldweg,
ein umgekipptes Schild,
ein Zaun mit offenem Riegel.
Ich bleibe dort stehen,
bis das Knacken unter den Brettern verstummt.