10 Originalgedichte
Gartengedichte zwischen Erde, Arbeit und Warten
Originale Gedichte über kleine Gärten, gemeinsame Flächen, müde Hände, unerwartete Ernten und das, was trotz Pflege nicht wächst.
Im Balkonkasten liegt noch die Quittung vom Gartencenter, halb unter der Erde, als hätte jemand versucht, den Einkauf einzupflanzen. Nebenan hängt ein Schlauch über dem Geländer; weiter unten wird ein Gemeinschaftsbeet vermessen, ohne dass sich alle über seine Grenzen einig sind. Gärten sind hier keine makellosen Rückzugsorte. Sie machen Arbeit, zeigen Versäumnisse und bringen Menschen miteinander ins Gespräch – manchmal freundlich, manchmal nur über einen falsch gesetzten Pfosten.
Diese Gartengedichte bleiben bei solchen Augenblicken: bei trockenen Furchen, nassen Knien, geteilten Werkzeugen und Körben, die nicht so voll werden wie erhofft. Zwischen Balkon, Kleingarten und Innenhof wechseln die Stimmen. Manche warten, manche rechnen nach, manche sehen nur kurz hin.
Arbeit mit Erde
Die ersten Gedichte bleiben bei Handgriffen, Mühe und kleinen Widerständen, die einen Garten jenseits der Idylle sichtbar machen.
Lehm unter den Nägeln
Ein erzählendes Gedicht über Arbeit, Trotz und einen nicht ganz freiwilligen Anfang
Der Spaten blieb im Boden stecken.
Ich stellte mich darauf,
als könnte Gewicht eine Meinung ändern.
Hinter mir wartete der Eimer,
vor mir die Reihe, die keine war:
zu krumm für Ordnung,
zu lang für Zufall.
Die Nachbarin rief,
ob ich den Kompost gesehen hätte.
Ich rief zurück, nein,
und fand ihn gleich darauf
unter dem alten Teppich.
Am Abend war das Beet offen.
Nicht schön.
Aber offen genug,
dass ich morgen wiederkommen konnte.
Westseite
Ein knappes Balkonstück über Pflege unter ungünstigen Bedingungen
Im Kasten trocknet dunkle Erde,
weil die Abendsonne härter brennt.
Ich gieße langsam, Glas für Glas,
doch das Basilikum nimmt nichts mehr an.
Ein Blatt hängt schief, ein Stängel knickt.
Der Wind hat wieder den Faden gelöst,
den ich am Morgen festgebunden habe:
kaum ist er noch zu sehen.
Drei Versuche
Ein Mikrogedicht für einen stillen, körperlichen Moment
Lockern.
Wegsehen.
Noch einmal drücken.
Der Samen bleibt,
wo er ist.
Unter dem Gartenschlauch
Ein Prosagedicht über Ordnung, Ärger und eine unerwartete Unterbrechung
Der Schlauch war an drei Stellen geknickt, und jedes Mal kam das Wasser mit einem anderen Geräusch heraus. Ich richtete ihn, stellte den Eimer darunter und ging zum Beet zurück. Dort lagen die frisch gesetzten Salate quer über der Erde. Jemand war darübergelaufen, vielleicht der Hund, vielleicht ein Mensch mit wichtigeren Dingen. Ich hob die Pflanzen an den Wurzeln hoch, als ließe sich ein Missverständnis zurückdrehen. Dann begann es zu regnen. Nicht stark genug, um die Arbeit zu retten, aber ausreichend, um den Staub von meinen Unterarmen zu nehmen.
Geteilte Flächen
Hier treffen unterschiedliche Gewohnheiten und Ansprüche aufeinander: Gartenarbeit wird zur gemeinsamen, nicht immer reibungslosen Angelegenheit.
Die Marke im Boden
Ein Dialoggedicht über eine Grenze, die niemand ganz anerkennt
„Deine Bohnen stehen auf meiner Seite.“
„Deine Seite beginnt, wo mein Beet endet.“
„Das ist dieselbe Linie.“
„Dann ist sie schlecht gezogen.“
Der Messstab liegt zwischen uns,
seine Spitze im Mulch.
Hinter dem Zaun klappert Geschirr.
Jemand lacht.
Wir setzen die Marke neu,
einen halben Schuh weiter links.
Am nächsten Morgen wächst dort
nichts als ein heller Streifen Erde.
Sitzung zwischen Radieschen
Ein beobachtendes Gedicht über Entscheidungen, die nebenbei fallen
Wir stimmen über die Tonne ab,
während unter dem Tisch
zwei Radieschen liegen.
Einer sagt: abschließen.
Eine sagt: offen lassen.
Der Mann mit dem karierten Hemd
sagt gar nichts,
trägt aber den Schlüssel.
Später verteilt sich die Erde
an unseren Schuhen.
Auf dem Protokoll steht:
Pflegeplan vertagt.
Im Beet nebenan
ist eine Reihe umgefallen.
Niemand weiß, wem sie gehört.
Der rote Eimer
Ein stilles Gegenwartsbild über Eigentum, Gebrauch und wortlose Absprachen
Der rote Eimer wandert durch den Hof.
Morgens steht er bei den Tomaten,
nachmittags unter dem Regenrohr,
abends neben der Tür zum Fahrradkeller.
Niemand hat ihn gebracht.
Niemand stellt ihn zurück.
Nur der Junge aus dem dritten Stock
trägt ihn, wenn er voll ist,
mit beiden Händen hinüber
zum Beet der Frau aus dem Erdgeschoss.
Sie sagt nichts.
Er sagt nichts.
Der Eimer verliert an einer Stelle
seinen Lack und bleibt trotzdem rot.
Ernte und Ausbleiben
Der letzte Abschnitt wird leiser und hält beides nebeneinander: das, was gelingt, und das, worauf niemand eine verlässliche Antwort bekommt.
Die leeren Schoten
Ein knappes Gedicht über einen Ertrag, der nur seine Hülle zurücklässt
Ich öffne die Schoten.
Eine nach der anderen.
Darin: Luft,
ein feiner grüner Rand,
der Abdruck von etwas,
das hätte bleiben können.
Im Korb raschelt es trotzdem.
Nach dem Gießen
Ein Prosagedicht über trockene Erde und ein Warten ohne Versprechen
Am Morgen ist die Oberfläche wieder hell. Der Regenmesser hat nichts gezählt, obwohl ich ihn gestern noch ausgekippt habe. Zwischen den Reihen liegen kleine Steine, sauber sichtbar, als wären sie über Nacht sortiert worden. Ich ziehe mit dem Finger eine Furche und sehe zu, wie sie sich langsam mit Staub füllt. Hinter dem Haus läuft die Waschmaschine. Ein Bus bremst an der Kreuzung. Aus dem Beet kommt kein Zeichen. Ich bleibe noch stehen, bis die Gießkanne neben mir nicht mehr nach Metall riecht, sondern nur noch leer ist.
Kiste vor der Tür
Ein ruhiger Schluss über eine kleine Ernte, die den Anfang noch einmal verändert
Eine Kiste vor der Tür:
vier krumme Möhren,
ein Apfel mit Druckstelle,
Salat, der zu spät kam.
Ich nehme sie herein,
wasche nichts davon,
lege nur ein Tuch darüber.
Im Garten steht der Spaten,
wo ich ihn abends abgestellt habe.
Morgen wird die Erde dort
wieder geschlossen sein.
Die Kiste bleibt auf dem Boden.
Die Tür bleibt offen.
Wer hat gesagt,
dass eine Ernte fertig sein muss,
bevor man sie ins Haus trägt?