10 Originalgedichte
Gedichte über den Wald
Zehn neue Waldgedichte über Wege, Tiere, Arbeit, Stadtgrün und jene Augenblicke, in denen der Wald zugleich nah und unverständlich bleibt.
Ein Wald beginnt nicht erst dort, wo die Häuser enden. Manchmal liegt er als feuchtes Blatt am Schuh, als Forstweg hinter dem letzten Zaun oder als schmaler Streifen zwischen Parkplatz und Hochhaus. Diese Gedichte folgen solchen konkreten Stellen: dem Rand, der Arbeit, den Tieren und den Stunden, in denen sich die vertraute Landschaft verändert.
Nicht jeder Weg führt zu einer Erkenntnis. Manches bleibt Geräusch, Umweg oder eine kurze Begegnung mit etwas, das sich nicht erklären lässt.
Waldrand und Nutzung
Die ersten Gedichte bleiben dicht an Wegen, Werkzeugen und Übergängen zwischen menschlicher Nutzung und wildem Gelände.
Hinter dem letzten Pfosten
Ein Weggedicht über Grenze, Gewohnheit und einen kleinen Entschluss
Hinter dem letzten Pfosten wird der Weg schmaler,
als hätte jemand die Erde zusammengefaltet.
Links stehen Fichten in Reih und Glied,
rechts liegen Brombeerranken über dem alten Graben.
Ich kenne die Strecke bis zur umgestürzten Birke,
kenne die Pfütze, die jeden Herbst wiederkommt,
kenne sogar den Stein, an dem mein Schuh
seit Jahren kurz innehält.
Heute gehe ich daran vorbei.
Nicht weil dahinter etwas wartet,
sondern weil der Weg weitergeht.
Holzliste
Ein sachliches Kataloggedicht aus der Perspektive eines Arbeitstages
Axt: stumpf an der Schneide.
Handschuhe: links eingerissen.
Kette: nachspannen.
Drei Stämme Esche,
einer krumm,
einer innen dunkel,
einer zu schwer für heute.
Mittag: Brot, Apfel,
Staub auf den Knien.
Am Abend bleibt
kein Wald in der Liste,
nur Maße,
Gewicht
und der Geruch
an der Jacke.
Am Zaun
Ein knappes Gedicht über einen Übergang, der nicht für Menschen gedacht ist
Am Zaun hängt ein Stück Fell.
Dahinter: Farn,
feuchte Erde,
ein Pfad ohne Schuhabdruck.
Davor: mein Fahrrad,
der Einkauf,
die Straße.
Etwas ist hinübergegangen,
ohne sich umzudrehen.
Die Stunden des Waldes
Diese Stücke wechseln die Tageszeiten und lassen Geräusche, Licht und Bewegung jeweils eine eigene Ordnung bilden.
Vor dem ersten Vogel
Ein Morgengedicht mit leiser Spannung vor dem Einsetzen des Tages
Noch ist der Weg nur eine hellere Stelle zwischen den Stämmen.
Die Taschenlampe zeigt Wurzeln, nasse Steine,
einen Käfer, der sich über meinen Handschuh verirrt.
Im Osten wird die Dunkelheit dünn.
Irgendwo knackt ein Ast, dann wieder nichts.
Ich bleibe stehen und höre meinem eigenen Atem zu,
der klingt, als gehörte er schon jemand anderem.
Dann fällt ein einzelner Ton aus der Krone.
Der Wald antwortet nicht.
Er macht weiter.
Mittagsschicht
Ein helles, leicht ironisches Gedicht über einen Wald voller kleiner Unterbrechungen
Um zwölf fällt die Sonne
nicht durch die Blätter,
sie verhandelt.
Ein Specht klopft,
der Förster flucht,
ein Hund trägt einen Stock,
der eindeutig zu groß ist.
Auf der Bank sitzt ein Mann
mit einer Thermoskanne
und erklärt dem Telefon,
dass es hier endlich ruhig sei.
Eine Mücke hört ihm zu.
Dann nimmt sie das Wort.
Die späte Krone
Ein abendliches Waldgedicht, das Beobachtung in eine direkte Anrede überführt
Du kommst immer erst,
wenn die Wege leerer werden.
Nicht als Gestalt, eher als Wechsel:
Die Farbe des Mooses kippt,
der Hang verliert seine Entfernung,
und über den Buchen hängt ein Rest von Tag.
Ich habe dich oft gesucht,
mit offenen Augen,
mit Fragen, die zu laut waren.
Heute bleibe ich am Bach.
Du musst nicht näher kommen.
Nachtwache der Maus
Ein sehr kurzes Tiergedicht aus einer ungewohnten Blickhöhe
Unter dem Laub
ist die Nacht nicht schwarz.
Sie riecht nach Pilz,
nach kaltem Stein,
nach dem Schuh,
der eben fortgeht.
Die Maus wartet nicht.
Sie zählt.
Nähe und Fremdheit
Zum Schluss treffen Stadtwald, Erinnerung und tierische Perspektiven aufeinander, ohne den Wald zum eindeutigen Trostbild zu machen.
Stadtwald mit Fahrplan
Eine urbane Waldszene über kurze Fluchten und den Lärm nebenan
Zwischen zwei Haltestellen steht ein Wald,
so schmal, dass man die Busse zählen kann.
Die Kronen tragen Abgas und Regen.
Am Eingang liegt ein Prospekt für Eigentumswohnungen,
auf dem kein einziger Baum vorgesehen ist.
Ein Junge zieht mit einem Ast Linien in den Schlamm.
Hinter ihm blinkt die Ampel durch die Stämme.
Jemand hupt.
Jemand lacht.
Im Unterholz verschwindet ein Fuchs,
als hätte er hier einen Termin.
Inventar eines Nachmittags
Ein Erinnerungsstück aus Gegenständen, die eine frühere Nähe nur andeuten
Ein roter Eimer,
verbeult am Rand.
Zwei nasse Socken
auf einem Ast.
Die Kerbe im Baum,
die längst breiter geworden ist.
Ein Name,
mit einem Schlüssel
in weiches Holz gedrückt.
Daneben heute:
Moos.
Nichts weiter.
Du kennst den Weg nicht
Ein sprechbares Schlussgedicht über eine Begegnung ohne Auflösung
Du kennst den Weg nicht,
und ich kenne ihn nur bis zum Gatter.
Danach wird der Boden weich,
die Markierung fehlt,
und aus jedem Zweig könnte ein Zeiger werden.
Du gehst voran, weil du jünger bist.
Ich folge, weil ich nicht erklären will,
warum ich stehen bleiben möchte.
Am Ende finden wir keine Lichtung,
nur einen Kreis aus Brennnesseln
und darin einen umgedrehten Eimer.
Wir setzen uns nicht.
Wir sehen ihn an.
Dann gehen wir zurück.