10 Originalgedichte
Geburtstagsgedichte für Karte, Rede und persönliche Worte
Zehn neue Gedichte für Geburtstagskarten, kurze Nachrichten und das Vorlesen bei einer Feier – mit heiteren, leisen und nachdenklichen Tönen.
Auf dem Tisch liegt die Karte, daneben der Stift, und plötzlich klingt jeder Satz zu bekannt. Diese Geburtstagsgedichte setzen anders an: bei einer Küche vor dem ersten Besuch, bei einer Rede mit trockenem Humor, bei dem kurzen Schweigen zwischen zwei Glückwünschen.
Die Stücke sind für unterschiedliche Nähe und Situationen geschrieben. Manche passen in eine Karte oder Nachricht, andere brauchen beim Vorlesen etwas Raum. Namen, feste Altersangaben und fertige Sprüche bleiben offen, damit eigene Erinnerungen darin Platz finden.
Kurze Zeilen für Karte und Nachricht
Kompakte Gedichte für persönliche Karten, Nachrichten und einen Glückwunsch, der nicht nach Vorlage klingt.
Die zweite Tasse
Ein kurzer, warmer Kartengruß für einen vertrauten Menschen.
Du stellst die zweite Tasse hin,
als wüsstest du schon,
dass dieser Tag
mehr Platz braucht als sonst.
Bleib, wie du bist –
nicht unverändert,
sondern ganz bei dir.
Kleine Ordnung
Ein trockenes, freundliches Stück für eine Karte mit Sinn für Alltagshumor.
Heute darf alles liegen bleiben:
der Schlüssel,
die Rechnung,
der vernünftige Plan.
Nur die Kerzen stehen gerade.
Sie haben schließlich
beruflich damit zu tun.
Zwischen zwei Nachrichten
Ein stiller Gruß für eine kurze Nachricht an einen Menschen mit vertrauter Geschichte.
Ich schreibe nicht,
dass alles groß werden muss.
Manches genügt:
ein freier Nachmittag,
ein Satz, der bleibt,
ein Lachen zur falschen Zeit.
Heute gehört dir
die kleine Unterbrechung.
Gedichte zum Vorlesen bei der Feier
Sprechbare Stücke mit Rhythmus, Beobachtung und einer Pointe für den Moment vor mehreren Menschen.
Die Ansprache
Ein heiterer Monolog für eine Rede, der liebevoll mit dem Zeremoniell spielt.
Liebe Runde, wir beginnen
mit dem schwierigsten Teil:
Alle wissen schon, warum wir hier sind,
aber niemand weiß,
wer zuerst aufhören soll zu reden.
Darum nur dies:
Du hast Räume voller Menschen
immer etwas bewohnbarer gemacht.
Nicht durch große Gesten.
Eher so, wie man ein Fenster öffnet,
wenn die Luft längst entschieden hat,
dass sie bleiben will.
Und jetzt erheben wir die Gläser –
auf dich, auf heute,
und auf die kluge Entscheidung,
die Torte nicht selbst zu backen.
Vierzeiler mit Beilage
Ein kurzer, gut sprechbarer Glückwunsch mit einer kleinen Abweichung vom üblichen Reim.
Ein Jahr liegt neu auf deinem Tisch,
noch ungeknickt und unbenannt.
Wir wünschen dir auf deiner Fahrt
viel Rückenwind und festen Stand.
Beim zweiten Kaffee
Ein längeres Vorlesegedicht über Nähe, Gewohnheiten und den Wert des Unauffälligen.
Du kennst die Stelle im Gespräch,
an der alle kurz zum Fenster sehen.
Du kennst den Namen des Ladens,
der montags geschlossen hat,
und die Geschichte mit dem roten Schal,
die jedes Mal anders beginnt.
Wir haben Jahre nicht gezählt.
Wir haben sie benutzt:
für Umzüge mit zu kleinen Kartons,
für Fahrten ohne Ziel,
für Nachrichten, die nur aus einem Punkt bestanden,
weil mehr gerade nicht nötig war.
Heute stehen Teller auf dem Tisch.
Jemand sucht den Flaschenöffner.
Jemand behauptet, er habe ihn zuletzt gehabt.
Du lachst schon, bevor der Streit beginnt.
Vielleicht ist das der ganze Luxus:
Nicht alles erklären zu müssen,
und trotzdem verstanden zu werden.
Ruhige und nachdenkliche Geburtstagsgedichte
Leisere Texte für eine Karte oder Nachricht, wenn Freude und Nachdenken am selben Tag nebeneinanderstehen.
Inventur am Fenster
Ein nachdenkliches Prosagedicht für einen stillen Geburtstagsmorgen.
Am Morgen zählst du nicht die Jahre, sondern die Dinge, die geblieben sind: der Riss in der Schale, das Buch mit dem geknickten Rücken, die Nummer, die du nicht löschen willst. Draußen fährt der erste Bus vorbei und tut, als wäre jeder Tag gleich. Du weißt es besser. Heute liegt eine andere Schwere auf den Minuten, aber auch eine andere Genauigkeit. Du öffnest das Fenster. Die Straße nimmt davon keine Notiz. Das ist vielleicht tröstlich. Oder einfach wahr.
Was auf dem Stuhl bleibt
Ein leises Gedicht an einen abwesenden Menschen, ohne festgelegte Erklärung.
Auf dem Stuhl liegt
kein Mantel mehr.
Nur der helle Streifen vom Fenster,
der am Nachmittag wandert.
Ich stelle die Tasse trotzdem hin,
nicht aus Hoffnung,
nicht aus Gewohnheit allein.
Es gibt Tage,
die man gemeinsam beginnt,
auch wenn man sie
allein zu Ende bringt.
Heute sage ich deinen Namen
nicht laut.
Der Raum kennt ihn.
Mit trockenem Blick und offenem Ende
Eigenwillige Schlussstücke für Menschen, die einen Geburtstagsgruß lieber schräg, nüchtern oder mit einer Frage hören.
An der Garderobe
Ein humorvoller Vierzeiler für eine Feier, bei der niemand zu feierlich werden möchte.
Das neue Jahr kommt ohne Plan,
steht trotzdem schon im Flur.
Es trägt sich selbst zur Feier an
und fragt nach der Garderobennummer.
Bevor die Musik beginnt
Ein sprechbarer Abschluss für eine Karte oder Rede, direkt und ohne fertige Wünsche.
Bevor die Musik beginnt,
bevor jemand die falsche Taste findet,
bevor aus einem Satz
wieder eine lange Geschichte wird,
stehst du da,
mit beiden Händen am Glas
und diesem Blick,
der nichts verspricht
und trotzdem Platz macht.
Wir haben dich heute gefeiert,
so gut wir konnten.
Der Rest bleibt bei dir.
Was möchtest du von diesem Tag
bis morgen behalten?