10 Originalgedichte

Gedichte zum 70. Geburtstag für eine Frau

Zehn neue Gedichte für eine Frau, die sie festlich, persönlich oder mit feinem Humor würdigen – ohne sie auf ihr Alter festzulegen.

Der 70. Geburtstag darf groß gefeiert werden, muss aber keine fertige Lebensbilanz liefern. Vielleicht steht die Jubilarin gerade in einer Küche voller Blumen, sitzt zwischen vertrauten Menschen oder freut sich auf einen ganz gewöhnlichen nächsten Morgen. Ein gutes Gedicht lässt Raum für genau diese Unterschiede.

Die folgenden Originalgedichte sprechen Mütter, Freundinnen, Kolleginnen, Schwestern und andere wichtige Frauen an. Einige eignen sich zum Vorlesen vor der ganzen Runde, andere funktionieren als persönliche Karte. Sie bleiben festlich, ohne Pathos, und humorvoll, ohne das Alter zur Pointe zu machen.

Zwischen Blumen, Gläsern und dem nächsten Satz

Festliche Gedichte für den Moment, in dem viele Menschen zusammenkommen und eine persönliche Würdigung hörbar werden soll.

01

Der Platz neben dir

Festlich und nah; gut zum Vorlesen im Kreis der Familie oder Freundinnen.

Auf dem Tisch stehen Gläser,
die niemand gezählt hat.
Jemand rückt eine Vase zur Seite,
damit du alle sehen kannst.

Du sitzt nicht am Rand dieses Abends,
obwohl du ihn nicht beherrschen musst.
Er sammelt sich dort,
wo du den Kopf hebst,
wo ein Blick genügt,
damit aus Stimmen ein Gespräch wird.

Siebzig ist heute eine Zahl
zwischen dem ersten Kuchenstück
und dem Satz, den noch niemand gesagt hat.
Wir sagen ihn später.
Jetzt bist du da.
Das reicht für den Anfang.

02

Sieben Zeilen für heute

Kompakt und klar; passend für eine kurze Ansprache oder eine Karte.

Siebzig Jahre,
und noch immer kommt der Morgen
nicht ohne neue Fragen.

Gut so.

Wir trinken auf deinen Blick,
der Dinge bemerkt,
bevor sie wichtig werden.

03

Das beste Stück Kuchen

Leicht und humorvoll; ohne Alterswitz, für eine lockere Feier mit vertrauten Gästen.

Die Torte kommt herein, geschniegelt und rund,
mit sieben mal zehn Kerzen im Mund.
Doch bevor jemand ruft: „Nun blas sie doch aus!“,
schneidest du dir selbst das beste Stück heraus.

Du sagst: „Wer zu lange auf Ordnung besteht,
verpasst, wie der Kuchen am schnellsten vergeht.“
Da lachen wir alle und rücken heran,
weil man von dir lernen und naschen kann.

Die Kerzen flackern, der Teller ist klein,
doch niemand muss heute bescheiden sein.
Du nimmst deine Gabel, wir nehmen den Rest:
So wird aus Geburtstag ein richtiges Fest.

Was von dir im Alltag bleibt

Persönliche Gedichte, die eine Frau nicht über eine Rolle definieren, sondern über ihre unverwechselbare Art, in der Welt zu sein.

04

Die Liste am Kühlschrank

Persönlich und beobachtend; geeignet für eine Tochter, die eine vertraute Eigenheit aufgreifen möchte.

Am Kühlschrank hängt eine Liste.
Nicht für heute. Nicht für morgen.
Darauf stehen Dinge,
die niemand sonst aufschreiben würde:
Glühbirne für den Flur,
Brief an die Nachbarin,
Basilikum nicht vergessen,
endlich den blauen Knopf annähen.

Daneben hängt ein Magnet,
der seit Jahren schief sitzt.
Du lässt ihn schief.
Vielleicht, weil nicht alles gerade werden muss,
nur weil es an einer weißen Tür hängt.

Heute schreibe ich darunter:
Siebzig feiern.
Dich ansehen.
Dir sagen, dass deine Art,
die kleinen Dinge ernst zu nehmen,
uns oft den Tag zusammenhält.

05

Dein roter Regenschirm

Lebendig und bildhaft; für eine Freundin, die gemeinsame Wege und ihren eigenwilligen Stil feiern will.

Du kommst zu spät, der Bus ist schon fort,
der Regen bleibt.
Du trägst deinen Schirm durch den grauen Tag,
rot gegen den Himmel, ein deutliches Signal.

Wir kennen die Wege, die du trotzdem gehst,
die Türen, vor denen du länger noch stehst.
Nicht weil du zögerst, nicht weil du nichts weißt,
du prüfst erst, ob der Wind sich noch dreht.

Siebzig steht heute auf einer Karte aus Gold,
du findest die Zahl ziemlich groß auf dem Papier.
Dann spannst du den Schirm auf und sagst beim Hinaus:
„Wer gratulieren will, kommt einfach mit raus.“

06

Der leere Stuhl

Still und offen; passt zu einer persönlichen Karte, wenn Nähe ohne große Erklärung ausgedrückt werden soll.

Im Raum steht ein leerer Stuhl.
Du stellst deine Tasche darauf,
als wäre auch das eine Form von Gesellschaft.

Später setzt sich jemand daneben.
Nicht auf den Stuhl.
Nur daneben.

So sitzt du da,
zwischen zwei Möglichkeiten,
und erzählst von einem Ort,
an den du vielleicht noch fahren willst.

Ich höre zu.
Nicht, weil ich eine Antwort habe.
Weil ich mag,
dass bei dir ein Gedanke
nicht sofort fertig sein muss.

Für die Stimme, die den Raum verändert

Vorlesbare Gedichte mit unterschiedlichen Bewegungen: heiter, überraschend, nachdenklich und direkt angesprochen.

07

Die Uhr im Flur

Heiter und pointiert; für eine Schwester oder Freundin mit Sinn für trockenen Humor.

Die Uhr im Flur geht sieben Minuten vor,
behauptet aber, sie kenne das Tor
zur pünktlichen Welt. Du glaubst ihr kein Wort
und gehst trotzdem niemals ganz ohne sie fort.

Du hast uns gezeigt: Man kann Zeit auch biegen,
indem manche Züge und Pläne verfliegen.
Man kommt dann vielleicht nicht genau dort an,
wo man einmal hinwollte. Doch dann sieht man mehr.

Zum siebzigsten Fest, das heute beginnt,
steht die Uhr vor und der Kalender im Wind.
Wir stellen nichts um. Wir lassen sie gehen.
Du sollst noch oft an ungeplanten Orten stehen.

08

Nach dem Applaus

Nachdenklich und zurückgenommen; für einen stilleren Moment nach den Glückwünschen.

Nach dem Applaus
bleibt eine Hand
auf deiner Schulter.

Nicht lange.
Nicht fest.

Nur so,
dass du weißt:
Der Raum ist noch da,
auch wenn alle wieder
zu ihren Gläsern sehen.

Du atmest ein,
stellst die Serviette glatt
und fragst,
wer noch Kaffee möchte.

09

Der Koffer unter dem Bett

Persönlich und offen; für eine Partnerin, deren Pläne nicht in einer fertigen Bilanz enden sollen.

Unter dem Bett steht ein Koffer,
seit Monaten halb gepackt.
Ein Pullover schaut heraus,
ein Buch ohne Lesezeichen,
ein Paar Schuhe, das auf Wetter wartet.

Du sagst nicht, wohin.
Vielleicht weißt du es selbst noch nicht.
Vielleicht ist der Koffer nur die freundlichste Art,
einem Zimmer zu sagen:
Ich bleibe nicht immer auf dieselbe Weise.

Heute stellst du ihn zur Seite,
ziehst dein Kleid an,
begrüßt die Gäste und schneidest Brot.
Später, wenn die Teller gespült sind,
legst du das Buch obenauf.
Mehr muss ein Plan heute nicht können.

10

Heute nenn ich dich

Direkt und festlich; ein persönlicher Abschluss für eine Ansprache vor vielen Menschen.

Heute nenn ich dich nicht nur beim Namen,
sondern auch bei all dem, was darin wohnt:
bei deinem schnellen Lachen,
bei deiner Geduld mit schiefen Bildern,
bei deinem Nein, wenn ein Ja zu bequem wäre,
bei dem Mut, Dinge offen zu lassen.

Siebzig Jahre stehen heute nicht
wie eine Mauer hinter dir.
Sie sitzen bei uns am Tisch,
nehmen ein Stück Brot,
heben das Glas,
und hören dir zu.

Du musst nichts beweisen.
Du bist nicht die Summe unserer Sätze.
Doch wenn du mich fragst,
was ich dir sagen wollte:
Ich bin froh, dass es dich in meinem Leben gibt.