10 Originalgedichte

Gedichte für Mama: zwischen Nähe, Eigenständigkeit und Alltag

Zehn originale Gedichte zeigen Mütter und Kinder in verschiedenen Lebensphasen: aufmerksam, widersprüchlich, verbunden und nicht immer am selben Ort.

Ein Anruf bleibt unbeantwortet, eine Jacke hängt noch im Flur, irgendwo wird ein Name auf einem Formular eingetragen. Beziehungen zwischen Müttern und Kindern bestehen nicht nur aus großen Sätzen. Oft liegen sie in beiläufigen Handlungen, in Erinnerungen, in dem, was ausgesprochen wird – und in dem, was vorerst offenbleibt.

Diese Gedichte für Mama sind keinem Festtag zugeordnet. Sie lassen verschiedene Lebensphasen und Familienwirklichkeiten nebeneinanderstehen: kindliche Nähe, erwachsene Begegnung, Dankbarkeit, Reibung und Abstand. Die Mutter erscheint dabei nicht als Symbol, sondern als Person mit eigenen Plänen, Gewohnheiten und Entscheidungen.

Kleine Gesten, die weiterreichen

Alltägliche Beobachtungen machen Verbundenheit sichtbar, ohne sie zu verklären oder an einen besonderen Anlass zu binden.

01

Der Fahrkartenautomat

Ein kurzes Gedicht über eine unscheinbare Hilfe unterwegs.

Du hältst die Tasche,
während ich den Automaten überrede.

Die Anzeige verlangt Kleingeld,
der Zug verlangt Eile,
du verlangst nichts.

Später finde ich in meiner Jacke
einen gefalteten Zettel:
Der Zug fährt von Gleis drei.

02

Neben dem Beet

Ein knapper Vierzeiler über gemeinsames Schweigen und unterschiedliche Rhythmen.

Du setzt die Zwiebeln tiefer,
ich reiche dir die nächste an.
Wir sparen uns den Ratschlag.
Später wird hier etwas blühen.

03

Die blaue Mappe

Ein beobachtendes Gedicht über das Leben der Mutter jenseits der Familie.

Auf dem Schreibtisch liegt deine blaue Mappe,
darin Fahrpläne, ein Museumsflyer,
die Nummer einer Frau aus dem Chor.

Ich kenne nicht alle Namen darin.
Das gefällt mir plötzlich.

Du hast Termine,
die nichts mit mir zu tun haben,
einen Mittwoch, der dir gehört,
und eine Entscheidung,
die du nicht erklärst.

Ich sehe dich am Fenster stehen,
bevor du losgehst.
Nicht fort von uns.
Nur los.

Wenn Kinder erwachsen werden

Die Gedichte verschieben den Blick: Mütter und Kinder begegnen sich als Erwachsene mit eigenen Geschichten, Fehlern und Blickrichtungen.

04

Der Name auf dem Formular

Ein stiller Monolog über den Moment, in dem Herkunft und Gegenwart nebeneinanderstehen.

Ich schreibe deinen Namen
in das Feld für den Notfallkontakt.
Nicht, weil du alles lösen würdest.
Nicht, weil du immer ans Telefon gehst.

Ich schreibe ihn,
weil dein Name in meiner Hand
nicht mehr nach Kindheit aussieht.

Er steht da wie jeder andere Name:
mit Buchstaben,
mit einer Adresse,
mit einer Frau dahinter,
die morgens ihre Schuhe bindet
und vielleicht gerade selbst
jemanden braucht.

Ich setze den Stift ab.
Das Formular ist noch nicht fertig.

05

Die Lampe im Flur

Ein fragmentarisches Gedicht für eine Rückkehr, die nicht mehr dieselbe ist.

Du hast die Lampe gewechselt.
Nicht hell.
Nur anders.

Mein alter Schlüssel passt noch,
das Geräusch der Tür nicht.

Auf dem Schuhschrank:
Post für dich,
ein Prospekt,
ein Stein aus Portugal.

Ich frage nicht,
wer ihn mitgebracht hat.
Du erzählst es,
während du die Jacke aufhängst.

06

Auf der anderen Seite des Tisches

Ein Gedicht über eine Mutter, die nicht nur erinnert, sondern selbst erzählt und widerspricht.

Heute erzählst du von deinem ersten Büro,
von einer Kollegin mit gelben Schuhen,
von dem Geld, das nie bis zum Monatsende reichte.

Ich hatte dich kleiner gemacht
in meinen Erinnerungen:
immer schon Mutter,
immer schon zuständig,
als hättest du vor mir
keinen eigenen Vormittag besessen.

Du lachst über meine Überraschung.
Dann bestellst du noch einen Tee
und korrigierst die Jahreszahl.

Ich höre zu.
Nicht aus Höflichkeit.
Weil du gerade anfängst.

Nähe mit eigener Grenze

Verbundenheit darf neben Abstand, Widerspruch und nicht aufgelösten Fragen bestehen bleiben.

07

Dein eigener Sonntag

Eine direkte Anrede über das Recht der Mutter auf einen Tag ohne familiäre Aufgabe.

Geh heute nicht ans Telefon,
wenn du nicht möchtest.
Lass die Zeitung offen liegen,
zieh den grünen Pullover an,
den du nur für dich gekauft hast.

Ich werde nicht beleidigt sein.
Vielleicht ein wenig.
Das ist mein Teil.

Deiner ist der Sonntag,
der nicht nach mir fragt,
der auf deiner Haut bleibt
wie der Geruch von Orangen,
auch wenn niemand vorbeikommt.

08

Ohne Schlüssel

Ein kurzes Antwortgedicht aus der Perspektive einer Mutter, die Nähe nicht erzwingt.

Ich lege den Schlüssel
nicht unter die Matte.

Wenn du kommst,
klingelst du.
Wenn du bleibst,
entscheidest du.

Das Haus ist nicht kleiner,
seit du eine eigene Tür hast.

09

Das Zimmer mit den Kartons

Ein längeres Gedicht über vererbte Dinge, ungelöste Fragen und eine vorsichtige Auswahl.

Im ehemaligen Gästezimmer stehen Kartons,
sauber beschriftet, als ließe sich ein Leben
in Kategorien tragen.

Fotos ohne Datum.
Ein Mantel, der nach Schrank riecht.
Drei Tassen, von denen nur eine
zu deiner Hand passt.

Du sagst: Nimm, was du gebrauchen kannst.
Ich sage: Ich weiß nicht, was mir gehört.

Draußen fährt der Müllwagen vorbei.
Der Morgen macht Lärm,
obwohl wir beide leise sprechen.

Ich nehme das Rezeptbuch nicht.
Auch nicht die Schachtel mit den Briefen.
Nur den kleinen Schraubenzieher,
den du immer gesucht hast.

Du lächelst nicht.
Das ist gut.
Wir müssen diesen Raum nicht
mit einem passenden Ende verlassen.

10

Wenn du nicht antwortest

Ein Antwortgedicht aus der Perspektive einer Mutter über Fürsorge nach einem bewusst nicht angenommenen Anruf.

Dein Name steht
auf meinem Telefon.

Ich lasse es klingeln,
bis das Licht erlischt.

Später schreibe ich:
Melde dich, wenn es passt

Kein Punkt dahinter.
Kein Zusatz,
der die Tür wieder schließt.

Auf dem Balkon wird es dunkel.
Du hast vermutlich deinen eigenen Abend.