10 Originalgedichte

Gedichte für Oma, die nach wirklicher Nähe klingen

Neue Gedichte für eine Großmutter, die mitten im Leben steht: persönlich, eigenwillig, heiter und auch dann nah, wenn Kilometer dazwischenliegen.

Du stehst vor ihrer Wohnung und suchst noch nach einem Satz, der nicht nach Grußkarte klingt. Oder du schreibst ihr aus einer anderen Stadt und möchtest mehr schicken als ein hastiges „Wie geht’s?“. Diese Gedichte für Oma sprechen von einer lebendigen Beziehung: von gemeinsamen Augenblicken, kleinen Reibungen, trockenem Humor und Nähe, die nicht an tägliche Besuche gebunden ist.

Die Texte setzen keine bestimmte Familiengeschichte voraus. Die Großmutter backt nicht automatisch, sitzt nicht still am Fenster und braucht keine Verklärung. Sie entscheidet, widerspricht, fährt los, vergisst etwas, erinnert sich genau und bleibt als Gegenüber sichtbar.

Wo Gegenwart auf einmal gemeinsam wird

Alltägliche Begegnungen zeigen die Großmutter als wache, handelnde Person und geben vertrauter Nähe konkrete Räume.

01

Der blaue Einkaufswagen

Für einen gewöhnlichen Vormittag, an dem ihr beide euren eigenen Kopf behaltet

Du schiebst den Wagen quer durch den Markt,
als gehörte der Gang dir allein.
Ich folge mit den Tomaten,
die du nicht nehmen willst.

„Zu blass“, sagst du.
Ich sage: „Sie schmecken trotzdem.“
Du legst eine Paprika zurück,
nimmst zwei andere und behältst recht.

An der Kasse zählt die Maschine,
du zählst im Kopf.
Draußen gibst du mir den schwereren Beutel.
Nicht aus Fürsorge.
Weil du den leichteren tragen möchtest.

02

Mittag im Atelier

Ein Prosagedicht über ihre Arbeit, deinen Besuch und zwei Generationen mit verschiedenen Maßstäben

Du malst den Rand zuerst, sagst du, weil ein Bild wissen müsse, wo es aufhört. Auf dem Tisch liegen drei Pinsel in einem Marmeladenglas, ein Lineal, das schon bessere Tage gesehen hat, und dein Telefon mit dem gesprungenen Display. Du antwortest trotzdem sofort, wenn es klingelt. Während ich noch überlege, ob der blaue Fleck am Himmel Absicht ist, stellst du dich auf die Zehenspitzen und erreichst die oberste Ablage. „Man muss die Dinge nicht größer machen, als sie sind“, sagst du. Dann setzt du einen winzigen roten Strich in die Ecke und trittst zurück. Wir sehen beide lange hin. Du siehst eine offene Tür. Ich sehe erst einmal nur Rot.

Dein Eigensinn hat seinen eigenen Takt

Humor und kleine Widersprüche machen die Beziehung persönlich, ohne die Großmutter auf eine Rolle zu reduzieren.

03

Die gelbe Sonnenbrille

Ein heiteres Gedicht für eine Großmutter, die ihren Auftritt selbst bestimmt

Du trägst Gelb im Gesicht
und sagst, das Wetter müsse sich
nun eben anpassen.

Der Bus kommt zu spät.
Du winkst ihm trotzdem,
als wäre er ein Bekannter.

Ich schäme mich kurz
für deinen Auftritt.
Dann setze ich die zweite Brille auf.

04

Notiz an den Kühlschrank

Kurzer Monolog über Listen, vergessene Termine und eine unverwechselbare Stimme

Du hast mir eine Liste geschrieben:
Milch, Batterien, zurückrufen.
Darunter, in größerer Schrift:
Nicht alles gleichzeitig.

Ich weiß nicht, ob das für den Einkauf gilt,
für meine Arbeit
oder für die nächsten zehn Jahre.

Ich nehme den Zettel mit.
Du behauptest später,
er sei gar nicht von dir.

Dann streichst du „Batterien“ durch
und schreibst „Kopfsache“ daneben.

05

Die Pflanze mit dem schiefen Stab

Ein fragmentarisches Stück über Pflege, Protest und die Freude am Nichtperfekten

Du bindest sie nicht fest.
Nur so, dass sie weiter
in ihre eigene Richtung kann.

Der Stab steht schief.
Die Blätter tun, was sie wollen.

„Das ist keine Haltung“, sage ich.

„Doch“, sagst du.
„Eine ziemlich gute.“

Was zwischen den Jahren weiterredet

Erinnerung erscheint als gegenwärtiger Austausch, nicht als Museum: Manche Dinge verändern sich, andere bleiben eigensinnig genau.

06

Der Kofferboden

Für einen Besuch, bei dem alte Gegenstände neue Fragen bekommen

Im Koffer liegt kein Geheimnis,
nur ein Pullover, zwei Bücher,
ein Ladekabel, das niemand zuordnen kann.

Du hebst den Boden an.
Darunter: ein Fahrplan von damals,
mit Bleistift markiert und gefaltet,
als hättest du dem Papier
beibringen wollen, wohin es gehört.

„Den kann man noch brauchen“, sagst du.

Ich lache.
Du nicht.

Später steckst du ihn in meine Tasche.
Nicht den Fahrplan.
Die Frage.

07

Dein alter Wecker

Ein Gedicht über unterschiedliche Zeitgefühle und einen Morgen ohne Eile

Er klingelt um sechs,
obwohl du nirgendwohin musst.

Du stellst ihn aus,
stehst auf,
öffnest das Fenster.

Ich frage, warum.

„Damit der Tag weiß,
dass ich ihn bemerkt habe.“

Später liegst du noch einmal
mitten am Vormittag
und liest die Zeitung von hinten.

Ich sage nichts.
Der Tag hat dich längst verstanden.

Nähe kennt auch Kilometer

Die letzten Gedichte halten Verbindung über Entfernung aus: mit Technik, Vorfreude, Sehnsucht und einem offenen Ende.

08

Drei Stunden von dir

Für eine Großmutter, die nicht am selben Ort lebt und trotzdem in den Alltag hineinreicht

Du schickst ein Foto vom Himmel,
als wäre er bei dir anders.

Vielleicht ist er es.
Über deinem Balkon
steht ein dünner Streifen Rosa,
über meiner Straße nur Grau.

Wir schreiben nicht viel.
Du: „Bin unterwegs.“
Ich: „Wohin?“
Du: „Das sehe ich dann.“

Am Abend liegt dein Bild
zwischen meinen Nachrichten.
Ich schiebe es nicht weg.
Morgen werde ich dir zeigen,
was hier gewachsen ist.

09

Postkarte ohne Urlaub

Ein leichtes Gedicht für eine Nachricht aus der Ferne, die nichts beweisen muss

Vorne: ein Leuchtturm.
Hinten: meine Adresse.

Ich war nicht dort.
Du auch nicht.

Trotzdem schreibst du:
„Der Wind ist ordentlich.“

Ich stelle die Karte
neben den Wasserhahn.
Sie fällt zweimal um.
Beim dritten Mal bleibt sie stehen.

10

Bis zum nächsten Samstag

Eine direkte Anrede für den Abschied nach einem Besuch, ohne ihn größer zu machen als nötig

Du ziehst den Reißverschluss deiner Jacke zu
und findest den Schlüssel nicht.
Ich suche mit.
Wir suchen in denselben Taschen,
als könnten zwei Hände
mehr Vergangenheit hervorbringen.

Du findest ihn im Ärmel.
Natürlich.

Vor der Tür sagst du:
„Meld dich bald.“

Ich sage: „Mach ich. Du, wenn du angekommen bist.“

Du gehst die Straße hinunter,
bleibst an der Ecke stehen,
drehst dich nicht um.

Ich winke trotzdem, Oma.