10 Originalgedichte
Gedichte für Senioren zum Ausdrucken und Vorlesen
Zehn neue Originalgedichte über vertraute Augenblicke, kleine Überraschungen und stille Pausen – klar gesetzt für die echte Druckansicht.
Auf dem Küchentisch liegt ein Blatt, daneben eine Tasse, die langsam kalt wird. Vielleicht wird ein Gedicht allein gelesen, vielleicht abwechselnd vorgelesen. Diese Sammlung setzt auf gut sprechbare Zeilen, vertraute Alltagsszenen und unterschiedliche Stimmungen: heiter, nachdenklich, knapp oder erzählerisch.
Alle Texte sind neue Originalgedichte für Gedichthain. Sie eignen sich zum Ausdrucken, Weitergeben und gemeinsamen Lesen, ohne eine bestimmte Wirkung zu versprechen. Die Gedichte stehen bewusst für sich und lassen Raum für eigene Erinnerungen, Widerspruch oder einfach eine ruhige Minute.
Für den ersten Vorlesemoment
Drei kurze bis mittellange Texte mit klaren Bildern und einem gut hörbaren Rhythmus für den Einstieg.
Nachmittagsschlag
Eine ruhige Szene über Zeit, die nicht drängt
Im Flur zählt eine alte Uhr
nicht Stunden, sondern Schritte.
Der erste geht zum Briefkasten,
der zweite nur bis in die Küche.
Am Fenster steht der Nachmittag
und wartet auf sein Zeichen.
Die Uhr schlägt drei. Der Kaffee duftet.
Mehr muss heute nicht passieren.
Da kommt ein Schatten über die Diele,
kurz, als wolle er bleiben.
Die Uhr zählt weiter, Schritt für Schritt.
Ich ziehe meine Schuhe aus.
Zwei Tassen
Ein schlichtes Gedicht über Gesellschaft und einen kleinen Irrtum
Zwei Tassen stehen auf dem Tisch,
die eine blau, die andre rot.
Ich trinke heute aus der blauen,
die rote wartet ohne Not.
Kein Gast hat sich dafür angekündigt,
kein Platz muss für jemanden sein.
Manchmal stelle ich zwei Tassen hin
und wähle erst beim Frühstück eine.
Auf der Fensterbank
Ein Mikrogedicht für eine stille Lesepause
Die Zeitung liegt offen.
Der Satz bleibt liegen.
Draußen fährt ein roter Wagen vorbei.
Für einen Moment
ist das genug.
Alltag, der etwas zu erzählen hat
Vier Gedichte greifen kleine öffentliche und häusliche Situationen auf, in denen Gewohnheit, Zufall oder Erinnerung eine neue Wendung bekommen.
Die letzte Haltestelle
Ein erzählender Text über einen kurzen Austausch im Bus
An der Haltestelle hebt ein Mann
den Finger, als sei er Kapitän.
Ich bremse sanft, er steigt herein
und sagt: So pünktlich kann nur einer sein.
Ich frage: Wohin? Er zeigt nach vorn.
Dort liege, sagt er, mein verlorner Zorn.
Wir fahren drei Stationen weit.
Er schaut hinaus, ich halte Zeit.
Beim Aussteigen dreht er sich um:
Der Zorn ist weg. Das ist nicht dumm.
Dann schließt die Tür. Im Spiegel sehe ich,
dass auch mein Mund ein wenig lächelt.
Die Tomatenstange
Ein bodennahes Gedicht über Gartenarbeit und Widerstand
Die Tomate hängt zu schwer
für ihren dünnen grünen Zweig.
Ich binde sie an den Stock,
doch sie verneigt sich erst recht.
Der Stock sagt nichts.
Die Tomate auch nicht.
Doch beide bleiben stehen,
bis der rote August kommt.
Im Laden um die Ecke
Eine freundliche Alltagsszene mit einer unerwarteten Einkaufsliste
Ich komme wegen der Milch
und gehe mit drei Äpfeln hinaus.
Die Milch steht noch im Laden,
die Äpfel sitzen auf dem Arm.
Der Verkäufer ruft mir nach:
Sie haben etwas vergessen!
Ich drehe mich um und sage:
Das ist vermutlich der Grund,
warum ich morgen wiederkomme.
Auf dem Heimweg riecht die Straße
nach Brot und nassem Stein.
Die Äpfel werden schwerer,
aber keiner fällt.
Der Knopf
Ein knappes Gedicht über eine Reparatur, die Geduld verlangt
Der Knopf war fort.
Das Hemd blieb offen.
Der Faden suchte seinen Weg.
Ich suchte mit.
Wir fanden uns.
Ruhige und humorvolle Stücke
Drei vielseitige Schlussgedichte wechseln zwischen leiser Betrachtung, Selbstironie und einem gut sprechbaren Ende.
Kreuzworträtsel mit Lücke
Ein heiteres Rätselgedicht über einen Begriff, der nicht kommen will
Vier Buchstaben, steht da quer,
Bedeutung: ziemlich ungefähr.
Der erste könnte A sein,
der zweite vielleicht auch nein.
Ich kenne das Wort seit vielen Jahren,
habe es oft genug erfahren.
Doch heute bleibt es hinterm Rand,
als hätte es dort Urlaub gemacht.
Ich fülle erst die anderen Felder,
die Berge, Städte, Tiere, Gelder.
Am Ende steht da, schwarz auf weiß:
Das Wort war ETWA, wie ich jetzt weiß.
Nach dem Regen
Ein stilles Gedicht über einen Garten, der wieder Konturen bekommt
Der Regen hat die Stühle geleert.
Kein Gespräch bleibt auf den Lehnen.
Im Beet glänzt eine Schneckenspur,
als hätte jemand unterschrieben.
Die Luft ist kühl.
Das Haus ist warm.
Zwischen beidem steht die Tür
und macht aus draußen und drinnen
keinen Streit.
Der Platz am Tisch
Ein gut sprechbarer Schluss über Anwesenheit ohne große Geste
Am Tisch ist noch ein Platz.
Nicht für Besuch, nicht für Pflicht.
Nur für die Hände,
die heute langsam sind.
Das Brot liegt da,
die Zeitung auch.
Jemand im Hof ruft einen Namen,
der nicht meiner ist.
Ich höre trotzdem hin.
Dann nehme ich das Messer,
schneide mir eine Scheibe ab
und bleibe sitzen.