10 Originalgedichte

Kurze Gedichte zum Nachdenken

Zehn neue Gedichte beginnen bei Tassen, Fahrkarten, Knöpfen und anderen Dingen, die mehr offenlassen, als sie zunächst versprechen.

Ein Gegenstand liegt da, scheinbar ohne Absicht: ein Löffel im Spülbecken, ein ungeöffneter Brief, ein Stein in einer Manteltasche. Erst wenn jemand innehält, bekommt er ein zweites Gewicht. Die folgenden kurzen Gedichte gehen von solchen Dingen aus und lassen den Gedanken weiterarbeiten, ohne ihn festzuschreiben.

Manche Stücke sind nur wenige Zeilen lang, andere nehmen sich etwas mehr Raum. Es gibt Reime, Listen, Prosasätze und freie Verse. Keines liefert eine Lebensregel. Stattdessen verschieben sie den Blick ein wenig – auf einen Widerspruch, eine Erinnerung, eine Bewegung oder das, was nach einem Satz noch bleibt.

Dinge, die nicht schweigen

Alltagsobjekte tragen eine kleine Beobachtung und öffnen daraus einen persönlichen Gedankenraum.

01

Die Schraube im Fensterbrett

Ein sehr kurzes Gedicht über Zweck und Zufall

Sie lag dort,
als hätte sie etwas gehalten.

Vielleicht nur den Staub.

02

Die blaue Schale

Eine kleine Küchenszene zwischen Gewohnheit und Wahl

Jeden Morgen nimmt er die blaue Schale,
obwohl die weiße näher steht.

Die blaue hat am Rand
jene kaum sichtbare Kerbe,
die inzwischen dazugehört.

Wenn Besuch kommt,
wandert sie nach hinten.
Nicht aus Scham.
Eher, weil manche Dinge
nur im eigenen Griff
ihre Form behalten.

03

Vier Dinge im Mantel

Ein Listengedicht über das, was man unbemerkt mitnimmt

Im linken Fach:
ein zerknittertes Ticket.

Im rechten:
ein glatter Stein.

In der Innentasche:
der Geruch von Regen.

Und ganz unten,
wo keine Hand hinkommt:
der Entschluss,
heute nichts zu erklären.

Wenn zwei Dinge zugleich stimmen

Kleine Widersprüche erscheinen in Situationen, deren Bedeutung nicht eindeutig aufgelöst wird.

04

Der Regenschirm im Juli

Ein ungereimter Vierzeiler über Vorsicht und ihre Nebenwirkungen

Im Juli trug ich einen Schirm,
kein Tropfen fiel, der Himmel schwieg.
Doch als ich ihn zu Hause ließ,
war plötzlich genug Platz für Regen.

05

Fünf Minuten

Ein Prosagedicht über Verspätung, die sich anders anfühlt als geplant

Sie kam fünf Minuten zu spät und fand den Raum noch leer. Also war sie pünktlich zu einer Abwesenheit, die niemand bestellt hatte. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser, bis zur Hälfte, als hätte auch der Durst einen Termin verschoben.

06

Die Tür, die offen blieb

Freie Verse über eine Entscheidung ohne sichtbaren Entschluss

Nach dem Streit
ließ er die Tür offen.

Nicht als Zeichen.
Die Luft im Flur war besser.

Später ging sie hindurch,
mit dem Korb voller Wäsche,
als sei nichts geschehen.

Im Wohnzimmer
stand der Satz noch da,
wo keiner ihn hingestellt hatte.

Was am Ende nicht feststeht

Offene Schlüsse lassen Beobachtungen, Erinnerungen und Anreden bewusst in der Schwebe.

07

Am Briefkasten

Ein stilles Gedicht über eine Nachricht, die nicht abgeschickt wird

Ich hielt den Umschlag
zwischen zwei Fingern,
als wäre er leichter
als die Adresse darauf.

Der Briefkasten nahm alles an:
Werbung, Rechnungen,
den Regen von gestern.

Nur meine Hand
blieb noch eine Weile
bei sich.

08

Die schiefe Lampe

Ein kurzes Prosagedicht über eine sichtbare Unordnung

Im Wartezimmer hing die Lampe schief. Niemand richtete sie gerade. Vielleicht, weil ihr Licht dadurch zuerst auf den Boden fiel und erst danach auf die Gesichter. Vielleicht war das kein Fehler, sondern nur die Reihenfolge, die sich ergeben hatte.

09

Drei Möglichkeiten

Ein Listengedicht, das eine alltägliche Geste nicht entscheidet

Er kann den Stein
zurück an den Weg legen.

Er kann ihn behalten,
weil er in die Tasche passt.

Er kann ihn auf die Mauer setzen,
damit der nächste Mensch
sich ebenfalls entscheiden muss.

10

Bevor du gehst

Eine direkte Anrede ohne Rat, gehalten in einem einzigen Atemzug

Du stellst die Tasse
nicht in die Spüle,
sondern neben das Buch,
das du nicht mitnimmst.

Ich sehe darin
keine Nachricht.
Ich sehe nur,
wie lange ein kleiner Kreis
auf Holz bleiben kann.