10 Originalgedichte

Herbstgedichte über Ernte, Wandel und leise Gegenwarten

Zehn neue Originalgedichte zeigen den Herbst nicht als Kulisse, sondern in konkreten Handlungen, Orten und Übergängen.

Der Herbst beginnt nicht überall zugleich. Auf dem Markt werden Kisten gezählt, im Büro verschwindet das offene Fenster, auf dem Land bleibt nach der Ernte eine Fläche zurück, die niemand sofort deuten muss. Diese Herbstgedichte bleiben bei solchen Veränderungen und geben ihnen unterschiedliche Stimmen.

Die zehn Originalgedichte bewegen sich zwischen Arbeit, Erinnerung, trockenem Humor und einer Stille, die nicht aufgelöst werden muss. Mal spricht jemand zu einer abwesenden Person, mal zu einem Gegenstand, mal nur aus dem eigenen Augenblick heraus.

Was sich draußen verändert

Konkrete Orte und Arbeiten zeigen den Herbst als sichtbaren Übergang, ohne ihn zu verklären.

01

Die letzte Kiste

Ein Erntegedicht über Arbeit, Müdigkeit und einen nüchternen Abschied

Am späten Nachmittag steht die letzte Kiste
noch neben dem Tor, nicht voll genug für eine Reihe,
zu schwer für ein beiläufiges Tragen.
Der Mann mit den rissigen Handschuhen zählt nicht mehr,
er hebt sie an, setzt sie wieder ab,
als müsse das Gewicht erst seine eigene Meinung finden.

Im Feld dahinter liegen die Stoppeln quer zum Wind.
Eine Krähe nimmt den Weg über die leere Fläche,
verliert dort etwas Helles, dreht nicht um.
Am Tor wird das Licht bereits dünn.
Der Mann schiebt die Kiste in den Schuppen
und lässt die Hand noch einen Moment am Holz.

02

Marktgewicht

Ein kurzes Gedicht über Messen, Kaufen und das Ende eines Vormittags

Die Waage zittert.
Drei Quitten.
Ein zu großes Messer.

Die Verkäuferin sagt:
Das reicht noch.

Hinter ihr klappt jemand
seinen Schirm zusammen.
Der Regen bleibt.

03

Inventur im Obstgarten

Ein Kataloggedicht über Verluste, Funde und widersprüchliche Ernte

Ein Korb mit Äpfeln,
davon einer weich an der Seite.

Zwei Wespen im Fallobst,
eine davon reglos.

Vier Pfähle, die den Sommer gehalten haben.
Ein Seil, das sich gelöst hat.

Laub im Eimer für den Kompost.
Ein roter Handschuh ohne Gegenstück.

Die Leiter am Stamm.
Der obere Ast außer Reichweite.

Eine Rechnung im Mantel.
Ein Lied aus dem Nachbarhaus.

Und zwischen den Reihen:
so viel Boden,
dass man den Verlust nicht zählen kann.

Rituale, die nicht alles lösen

Alltagsszenen und wiederkehrende Handlungen geben dem Herbst Nähe, Reibung und trockenen Witz.

04

Rede an den nassen Mantel

Eine dramatische Anrede zwischen Heimweg, Ärger und widerwilliger Fürsorge

Du kommst wieder zu spät,
triefst auf die Dielen,
behauptest mit deinen kalten Ärmeln,
dass draußen alles schlimmer war.

Ich kenne diese Taktik.
Im Juni hast du dich dünn gemacht,
als wäre jeder Wind ein Kompliment.
Jetzt hängst du da wie ein Zeuge,
der nur Knöpfe vorzuweisen hat.

Gut.
Ich gebe dir den Haken neben der Heizung.
Nicht den besten. Den krummen.
Morgen sehen wir weiter.

Bis dahin tropfst du bitte
nicht auf meine Schuhe.

05

Suppe für zwei

Ein stilles Küchengedicht über Nähe, Abwesenheit und eine geteilte Mahlzeit

Ich stelle zwei Teller hin,
obwohl du seit Dienstag
bei deiner Schwester bist.

Der Topf sagt nichts dazu.
Er hält die Kartoffeln weich,
die Möhren auseinander,
den Lauch an seinem Platz.

Draußen schiebt der Hausmeister
nasses Laub zu einem Haufen,
der immer wieder auseinanderfällt.

Ich esse am Fenster.
Der zweite Teller bleibt warm.
Nicht aus Hoffnung.
Aus Gewohnheit,
die noch nicht weiß,
wohin mit den Händen.

06

Oktober im Bürokalender

Ein Gedicht über Termine, Resturlaub und die Komik kleiner Vorsätze

Montag: Fenster zu.
Dienstag: Fenster wieder auf.
Mittwoch: jemand bringt Kastanien
und legt sie neben den Drucker.
Donnerstag: Resturlaub prüfen.
Freitag: Kuchen im Besprechungsraum,
zu trocken für die Jahreszeit.

Im Kalender steht noch immer:
Neues Kapitel beginnen.
Darunter, mit Bleistift:
Papier nachbestellen.

Um vier wird draußen der Hof gekehrt.
Wir hören die Maschine
und tun kurz so,
als wäre das ein Beschluss.

Wenn der Tag leiser wird

Unerwartete Perspektiven und offene Enden lassen den Herbst in Innenräumen und Übergangsmomenten nachklingen.

07

Der Busfahrer sieht zurück

Ein Stadtgedicht aus der letzten Fahrt, zwischen Routine und fremden Geschichten

An der Endhaltestelle steigt niemand mehr ein.
Der Fahrer löscht die Innenbeleuchtung,
prüft die Spiegel und sieht dabei
für einen Augenblick den ganzen Bus:
vier leere Reihen,
ein vergessenes Heft,
auf dem Sitz ganz hinten ein nasser Abdruck.

Er fährt los, obwohl die Anzeige noch blinkt.
Die Straßen sind dunkel genug,
um jedes Fenster einzeln zu tragen.
An der nächsten Kreuzung wartet eine Frau
mit einem Blumenstrauß, der zu spät wirkt.
Er hält.
Sie steigt ein.
Beide sagen nichts.

Als sie aussteigt, bleibt ein Blatt
an der Türdichtung hängen.

08

Die Stunde der leeren Bänke

Ein sehr kurzes Gedicht über einen Park nach dem Fest und das Zurückbleiben

Nach dem Laternenfest
sind die Bänke leer.

Nur eine Papierschleife
hält sich am Ast.

Der Parkwart hebt sie auf,
steckt sie ein,
vergisst sie dort.

09

Unter dem Dachfenster

Ein Innenraumgedicht über Geräusche, Aufschub und einen Tag ohne Auflösung

Den ganzen Nachmittag fällt kein Regen,
aber das Dach klingt danach.
Vielleicht arbeitet irgendwo ein Vogel
an derselben Stelle.

Auf dem Tisch liegt ein Brief,
nicht dringend genug für heute,
nicht harmlos genug für morgen.
Daneben: eine Tasse, kalt geworden,
ein Lineal, zwei Büroklammern,
das Messer vom Frühstück.

Unten fährt ein Lieferwagen vorbei.
Der Schatten des Kastens wandert über die Wand,
als hätte er einen Termin.

Ich falte den Brief nicht auf.
Ich schließe nur den Vorhang
und ziehe den Stuhl ein wenig näher.

10

Novemberprotokoll

Ein ruhiger Schluss über Dinge, die bleiben, ohne erklärt zu werden

07:12 Uhr: Die Bäckerei öffnet.
07:19 Uhr: Ein Hund zieht an der Leine.
08:03 Uhr: Der Nebel hebt sich nicht,
er verteilt sich nur.

Am Fenster des Erdgeschosses
steht eine Schale mit Nüssen.
Niemand nimmt eine.

Im Treppenhaus riecht es nach Wolle,
nach Erde, nach dem Metall
an einem alten Schlüsselbund.

Gegen Abend wird im Hinterhof
ein Fahrrad umgestellt.
Der Besitzer bleibt unsichtbar.

Später liegt auf der Fensterbank
ein einzelnes Samenkorn.
Ich schiebe es nicht fort.
Ich lege die Hand daneben.