10 Originalgedichte

Abschiedsgedichte für Kollegen

Neue Gedichte für den letzten Arbeitstag, den Teamwechsel und den stillen Moment, in dem ein vertrauter Platz plötzlich frei bleibt.

Ein Abschied kann laut beginnen und trotzdem leise enden: mit Applaus im Besprechungsraum, einer letzten Nachricht im Chat oder einem leeren Fach am Montagmorgen. Diese Gedichte bleiben bei den konkreten Dingen, die gemeinsame Arbeit erinnerbar machen.

Die Sammlung reicht von kurzen Versen für eine Karte bis zu Texten, die sich vor einem Team lesen lassen. Manche sagen Danke, manche lassen einen trockenen Satz stehen, manche wissen noch nicht, was nach dem letzten Tag kommt.

Für eine Karte, die nicht nach Pflichtübung klingt

Kurze und persönliche Texte für den letzten Arbeitstag, einen Teamwechsel oder einen Abschied am Schreibtisch.

01

Der letzte Kaffee

Kurzgedicht für eine persönliche Abschiedskarte

Du gehst – und plötzlich hat der Kaffee
keinen festen Platz mehr im Vormittag.
Er steht herum wie eine Frage,
die niemand in den Kalender schreibt.

Wir nehmen den Becher,
die schlechten Witze,
den Satz: Das machen wir später.
Den Satz, der meistens stimmte.

Für deinen neuen Weg
wünschen wir dir keine großen Parolen,
nur einen Tisch,
an dem jemand merkt,
wenn du fehlst.

02

Inventur des Fehlens

Nüchterner Text für einen Abschied ohne große Rede

Es fehlen ab morgen:

zwei schnelle Antworten,
ein Blick auf die Uhr,
bevor die Sitzung ausufert,
der Satz, der eine Tabelle
wieder bewohnbar machte.

Vorhanden bleiben:
der Drucker mit seiner eigenen Meinung,
drei offene Fragen,
die Pflanze am Fenster
und unser Talent,
alles gleichzeitig zu verschieben.

Wir tragen dich nicht aus dem Raum.
Wir stellen nur fest:
Etwas, das hier war,
hat jetzt eine andere Adresse.

03

Zwischen zwei Türen

Für einen Wechsel in eine andere Abteilung oder an einen anderen Standort

Du stehst schon halb im Flur,
halb noch bei uns,
mit dem Schlüsselbund in der Hand
und diesem höflichen Gesicht,
das Menschen machen,
wenn sie gleichzeitig bleiben
und weitergehen wollen.

Wir sagen: Mach’s gut.
Wir sagen: Meld dich.
Wir sagen sogar: Wir sehen uns bestimmt.

Dann nimmt die Tür
ihre gewöhnliche Schwere an.
Ein Geräusch,
kein Zeichen.

Nur deine Hand hebt sich noch einmal,
als müsste sie den Raum
nicht verabschieden,
sondern aus der Entfernung
in Erinnerung behalten.

Wenn ein Team gemeinsam Abschied nimmt

Vorlesbare Gedichte für eine kleine Feier, eine Projektübergabe oder einen letzten gemeinsamen Termin.

04

Protokoll eines guten Jahres

Gemeinsam vorlesbarer Rückblick auf ein anspruchsvolles Projekt

Wir halten fest:
Es gab Montage, die zu früh begannen,
Nachrichten, die mit „dringend“ endeten,
und eine Präsentation,
die erst nach dem dritten Versuch
so aussah, als sei sie geplant gewesen.

Wir halten ebenfalls fest:
Du hast zugehört,
wenn Zahlen plötzlich Gesichter bekamen.
Du hast geteilt,
was noch gar nicht fertig war.
Du hast im richtigen Moment gesagt:
Wir probieren es anders.

Das Projekt wandert weiter.
Die Dateien liegen dort,
wo Dateien nun einmal liegen.
Aber ein Teil von dem,
was wir miteinander konnten,
bleibt ohne Ordnernamen bestehen.

Wer liest den letzten Punkt?
Vielleicht du.
Vielleicht wir alle.

05

Die Runde ist offen

Dramatische Anrede für einen Abschied im Videocall

Bleib noch einen Augenblick im Bild.
Nicht wegen der letzten Folie,
nicht wegen des Links,
den jemand gleich nachreichen wird.

Bleib, weil wir hören wollen,
wie dein Lachen durch die Verzögerung kommt,
wie du sagst: Das war’s dann wohl,
und dabei auf den Button schaust,
der dich aus unserem Rechteck nimmt.

Wir wissen:
Morgen sitzen hier andere Schultern,
andere Tassen,
andere kleine Geräusche.

Doch heute hast du noch das Wort.
Sag uns nicht, dass alles gut wird.
Sag uns, wohin du gehst,
oder sag gar nichts.

Wir bleiben kurz still,
bis einer fragt,
ob man den Raum jetzt schließen darf.

06

Zehn Minuten vor Feierabend

Leichter Teamtext mit trockenem Humor und offenem Ende

Zehn Minuten vor Feierabend
wird noch schnell beschlossen,
dass niemand etwas beschließt.

Die letzte Mail bleibt offen,
der Kalender tut beschäftigt,
und irgendwo summt ein Gerät,
für das sich seit drei Jahren
niemand zuständig fühlt.

Du schiebst den Stuhl zurück.
Wir stehen auf,
zu langsam für Eile,
zu schnell für einen echten Abschied.

Einer sagt: Wir machen ein Foto.
Einer sagt: Ohne mich.
Einer ist schon im Bild.

Dann verteilst du die Reste
von Schokolade,
Visitenkarten,
und diesen Blick,
der fragt,
ob ein Arbeitsplatz
auch ohne seinen Menschen
so tun kann, als wäre nichts gewesen.

Was bleibt, wenn der Raum leiser wird

Ruhigere Gedichte über Spuren gemeinsamer Arbeit, Abwesenheit und einen Abschied ohne fertige Antwort.

07

Das freie Fach

Leiser Abschied für einen vertrauten Platz im Arbeitsraum

Im Fach über dem Kopierer
liegt noch ein einzelner Gummiring.
Niemand weiß, wozu er gehörte.

Du hast hier Ordner gestapelt,
Notizen quer gelegt,
und manchmal nur die Hand
auf die Kante gesetzt,
als bräuchte der Tag
für einen Moment Halt.

Jetzt ist das Fach leer.
Nicht sauber leer –
so, wie Räume leer werden,
bevor jemand entscheidet,
was hineinsoll.

Ich nehme den Gummiring nicht.
Er soll dort bleiben,
wo ein Zufall
noch nicht aufgeräumt wurde.

08

Nach der Schicht

Gedicht aus einer praktischen Arbeitswelt, ohne Feiergestus

Die Werkhalle leert sich anders als ein Büro.
Hier bleibt Öl an den Händen,
auch wenn der Tag längst abgeschlossen ist.

Du hast die letzte Maschine geprüft,
den Schlüssel abgegeben,
die Nummer auf dem Klemmbrett
mit einem Strich entlassen.

Morgen wird jemand deinen Platz übernehmen.
Er wird fragen,
welches Geräusch nicht harmlos klingt,
welche Schraube man besser nicht übersieht.

Wir werden es erklären.
Vielleicht nicht so, wie du.
Vielleicht mit anderen Worten,
die erst noch Gewicht bekommen müssen.

Draußen hängt die Luft zwischen den Hallen.
Du gehst hindurch,
die Hände offen,
als hätten sie nichts behalten.

09

Die letzte Lieferung

Abschied aus Logistik oder Außendienst mit bewegtem Rhythmus

Noch einmal die Rampe,
noch einmal die Liste,
noch einmal der kurze Blick,
der mehr sagt als ein Funkgerät.

Du kennst die Türen,
die klemmen,
die Hunde,
die zuerst bellen,
und die Menschen,
die immer schon warten,
bevor der Wagen steht.

Heute steht dein Name
nicht mehr auf der Tour.
Die Route läuft weiter,
sauber gedruckt,
unerbittlich praktisch.

Aber an einer Ecke
wirst du langsamer fahren,
obwohl dort niemand winkt.
Vielleicht, weil ein Ort
sich daran gewöhnt,
dass jemand kommt.

Und vielleicht biegst du trotzdem ab.

10

Ohne neue Unterschrift

Offenes Schlussgedicht für einen Abschied, der keine Erklärung braucht

Auf dem Formular fehlt noch eine Unterschrift.
Nicht deine –
die ist längst gesetzt.

Die Zeile wartet geduldig,
wie Papier das kann.
Daneben liegt der Stift,
sein Deckel offen,
als hätte jemand nur kurz
unterbrechen wollen.

Wir könnten das Blatt abheften.
Wir könnten eine Notiz machen,
einen Termin verschieben,
den Namen aus der Liste nehmen.

Stattdessen steht einer am Fenster
und sieht den Bus,
der unten hält,
obwohl niemand aussteigt.

Vielleicht ist Abschied
manchmal nur dies:
zu merken,
dass etwas weiterfährt,
auch wenn man noch nicht weiß,
wer beim nächsten Halt einsteigt.