10 Originalgedichte

Gedichte zum Ruhestand für Abschied, Feier und Karte

Originale Verse für den letzten Arbeitstag und die Zeit danach – zwischen Anerkennung, Entlastung, offenen Fragen und einem neu geordneten Alltag.

Zum Ruhestand passen nicht nur laute Glückwünsche. Ein Abschied aus dem Berufsleben kann stolz machen, erleichtern, verunsichern oder einfach still beginnen. Die folgenden Gedichte geben diesen unterschiedlichen Tönen Raum: Einige eignen sich für eine Karte, andere für eine Ansprache, wieder andere sprechen eher den persönlichen Moment nach dem letzten Arbeitstag an.

Der Übergang ist kein Endpunkt. Er verändert, was bisher selbstverständlich war: den Wecker, die Wege, die Gespräche und die Frage, wem die eigenen Stunden gehören. Deshalb bleiben die Verse offen für das, was noch keinen Namen hat.

Der letzte Arbeitstag

Gedichte für den Moment des Abschieds, mit Anerkennung für Geleistetes und Raum für widersprüchliche Gefühle.

01

Der Schlüsselbund

Für den letzten Gang durch vertraute Räume

Am Empfang liegt noch dieselbe Schale,
in der seit Jahren Schlüssel aneinanderstoßen.
Heute klingt jeder einzelne
wie eine kleine Meldung:
Dieser Raum war deiner.

Du kennst die Stellen,
an denen die Tür klemmt,
den Drucker erst nach dem zweiten Versuch,
das Fenster, das im November zieht.
Nichts davon wird feierlich erwähnt.
Und doch hängt an deinem Wissen
ein Teil dieses Hauses.

Du gibst den Ausweis ab,
behältst aber, was nicht gelocht werden kann:
einen Blick für das Unfertige,
eine Hand, die weiß, wo sie anfassen muss,
ein Gedächtnis voller Stimmen.

Draußen dreht sich der Schlüssel
zum letzten Mal im Schloss.
Drinnen bleibt kein Denkmal zurück,
nur ein leerer Haken
und jemand, der langsam nach Hause geht.

02

Der Stuhl am Fenster

Ein leiser Text über den Abschied vom eigenen Arbeitsplatz

Der Stuhl am Fenster
hat deinen Rücken gekannt,
deine kurzen Pausen,
den Blick hinaus,
wenn eine Antwort noch nicht fertig war.

Heute sitzt niemand darin.
Das Licht fällt trotzdem
auf die Armlehne,
als hätte der Vormittag
sich noch nicht entschieden.

Du gehst durch die Reihen,
verabschiedest dich von Pflanzen,
Tassen, Kabeln und Menschen.
Ein paar Sätze bleiben hängen,
andere lösen sich sofort.

Was bleibt, ist nicht der Platz.
Es ist die Art,
wie du ihn verlassen hast:
mit einem letzten Nicken,
als würdest du sagen,
Ich habe hier meinen Platz gehabt.
Mehr muss der Raum nicht wissen.

03

Vier Zeilen für den Abschied

Kurz und gut vorlesbar für eine kleine Runde

Du bist den Weg bis hier gegangen,
hast manche schwere Pflicht bezwungen.
Nun wird aus Pflicht ein weiter Raum –
noch ohne Plan, doch nicht ohne Traum.

Wenn die Uhr anders geht

Gedichte über die ungewohnte Ordnung der ersten Tage und über Zeit, die nicht sofort gefüllt werden muss.

04

Sieben Uhr zehn

Für den ersten Morgen ohne dienstlichen Termin

Um sieben Uhr zehn fährt der Bus vorbei.
Du hörst ihn nicht sofort.
Jahrelang war er das Geräusch,
das dich aus dem Kaffee hob.

Heute bleibt die Tasse stehen.
Der Bus nimmt die Straße mit,
seine gelben Fenster,
seine fremden Eiligen.

Du öffnest den Kalender.
Montag: nichts.
Dienstag: nichts.
Mittwoch: ein Name,
den du selbst eingetragen hast.

Es ist erstaunlich,
wie viel Platz ein leerer Tag besitzt.
Er steht nicht vor dir wie eine Aufgabe.
Er wartet auch nicht.
Er ist einfach da,
mit beiden Händen in den Taschen.

Du gehst zum Fenster,
stellst die Tasse auf die breite Kante
und siehst der Straße nach,
bis auch der letzte rote Rückschein
hinter der Ecke verschwindet.

05

Inventur der Stunden

Eine spielerische Liste für die ungeplante Zeit

Eine Stunde für das Brot,
das nicht nebenbei gegessen wird.

Zwei Stunden für den Brief,
der seit April auf Antwort wartet.

Eine halbe für den Regen,
der auf dem Balkon die Möbel prüft.

Drei Minuten für die Nachricht:
Bin gut angekommen.

Ein Vormittag ohne Beweis,
dass er sich gelohnt hat.

Ein Nachmittag,
der sich verrechnet.

Und abends die erstaunliche Bilanz:
Nichts erledigt,
aber der Tag ist nicht verschwunden.

06

Der Donnerstag bleibt

Über einen Wochentag, der seine alte Bedeutung verliert

Donnerstag war früher
Besprechung, Rückweg, Einkauf,
der kleine Rest der Woche.

Nun kommt er ohne Abzeichen.
Er trägt keinen Auftrag,
keine vorbereitete Antwort,
kein Gesicht aus dem Aufzug.

Du probierst ihn aus:
gehst am Vormittag zum Markt,
stehst zu lange bei den Birnen,
verlegst den Schlüssel,
findest ihn in der Jackentasche.

Am Nachmittag rufst du niemanden an.
Nicht aus Einsamkeit.
Nur weil die Stille heute
noch ihren eigenen Namen sucht.

Am Abend liegt der Donnerstag
zwischen den anderen Tagen,
unspektakulär und ganz.
Du streichst nichts durch.
Du lässt ihn liegen.

Für Karte, Rede und Tischrunde

Vorlesbare und persönliche Verse für eine Karte oder Ansprache, ohne den Abschied auf bloßen Jubel zu verkürzen.

07

Was wir dir sagen wollen

Eine Ansprache aus dem Kollegenkreis

Wir sagen nicht, dass ohne dich
alles anders wird.
Das wäre zu groß gesprochen.

Wir sagen:
Man wird deine genaue Frage vermissen,
deinen Blick auf die Stelle,
an der ein Satz nicht stimmte,
obwohl alle schon nickten.

Wir sagen:
Du hast Arbeit nicht glänzend gemacht,
sondern ordentlich, beharrlich,
mit Sinn für Menschen,
die gerade nicht weiterwussten.

Wir sagen:
Der Raum wird sich neu sortieren.
Das darf er.
Auch du musst heute nichts festlegen.

Nimm den Blumenstrauß,
so wie er ist – etwas schief,
zu schwer für eine Hand,
aber nicht ohne Duft.

Und wenn du morgen aufwachst,
ist dies kein Schlussstrich.
Nur eine Tür,
die nicht mehr von außen geöffnet wird.

08

Die Karte auf dem Buffet

Für einen persönlichen Gruß mit etwas Abstand

Wir haben unsere Sätze
auf eine Karte geschrieben,
dicht gedrängt zwischen Torte
und den Namen derer,
die heute verhindert sind.

Jede Zeile will danken.
Keine will dich festhalten.
Das ist vielleicht der schwierigste Gruß:
zu sagen, was war,
ohne daraus eine Pflicht
für morgen zu machen.

Du hast uns gezeigt,
dass Verlässlichkeit
nicht laut sein muss.
Sie stand oft einfach da,
mit hochgekrempelten Ärmeln,
und begann.

Nimm von hier mit,
was in keine Schachtel passt.
Lass den Rest im Büro.
Auch dort darf etwas fehlen,
ohne dass es sofort ersetzt wird.

Später, wenn die Gläser abgeräumt sind,
liegt die Karte noch auf dem Buffet.
Sie wartet nicht auf Antwort.

09

Bitte nicht alles heute

Ein sanft widerspenstiger Vers gegen den Zwang zum sofortigen Neustart

Bitte nicht alles heute:
kein neues Kapitel,
keinen perfekten Plan,
keine Liste mit sieben Punkten,
was nun aus dir werden soll.

Heute genügt:
die Jacke über den Stuhl,
der Brief ungeöffnet,
das Telefon auf lautlos,
der Kuchen nicht ganz aufgegessen.

Morgen darfst du dich umentscheiden.
Übermorgen auch.
Die freie Zeit hat keine Anwesenheitsliste
und verteilt keine roten Striche.

Wenn jemand fragt:
Was machst du jetzt?
Sag ruhig:
Ich finde es heraus.
Oder gar nichts.
Beides ist eine vollständige Antwort.

Dann ziehst du die Schuhe aus,
stellst sie nebeneinander
und gehst barfuß bis zum Fenster.
So beginnt kein Programm.
Aber ein Tag.

10

Am Morgen danach

Ein offener Schluss für Karte oder stilles Weiterlesen

Die Feier ist vorbei.
Neben der leeren Karaffe stehen Gläser,
die niemand mehr zählt.

Du wachst auf,
bevor der Wecker etwas verlangen kann.
Im Flur hängt noch dein Mantel
mit dem Geruch von gestern.

Draußen beginnt die Stadt
ohne deine Beteiligung.
Ein Lieferwagen hält,
eine Tür fällt zu,
irgendwo wird dein Name gerufen.

Du bleibst noch liegen.
Nicht aus Müdigkeit.
Du hörst, wie der Morgen
seinen Platz findet.

Später wirst du aufstehen,
vor die Haustür treten,
die Zeitung vom Fußabtreter holen.
Mehr geschieht zunächst nicht.

Doch zwischen dem alten Aufbruch
und dem neuen Sitzen
liegt diese eine Frage:
Wem gehört ein Tag,
wenn er niemandem mehr gehört?