10 Originalgedichte

Gedichte zum Umzug zwischen Abschied und neuem Zuhause

Zehn neue Gedichte über gepackte Kisten, vertraute Räume, fremde Flure und das langsame Ankommen an einem anderen Ort.

Ein Umzug beginnt oft nicht mit dem ersten Karton, sondern mit einem Raum, der plötzlich schon halb verlassen aussieht. Ein Bild fehlt an der Wand, die Schrauben liegen in einer Tasse, und unter dem Sofa findet sich noch etwas, das lange niemand gesucht hat.

Diese Gedichte bleiben bei den konkreten Dingen: Klebeband, Pflanzen, Fahrplänen, Schlüsseln und staubigen Ecken. Abschied und Erleichterung stehen nebeneinander. Das neue Zuhause darf unfertig, fremd oder zunächst nur eine Adresse sein.

Letzte Handgriffe

Die ersten Gedichte beobachten den Abschied dort, wo er zwischen Werkzeug, Möbeln und zurückgelassenen Kleinigkeiten sichtbar wird.

01

Die Schrauben in der Tasse

Für den Moment, in dem eine vertraute Wohnung nur noch aus Handgriffen besteht

Die Schrauben in der Tasse,
das Klebeband quer über den Karton,
der Schlüssel im Mund,
weil beide Hände voll sind.

Im Flur wartet die Lampe,
seit Jahren ein wenig schief.
Niemand richtet sie gerade.
Das wäre jetzt schon eine Art Versprechen.

Draußen läuft der Nachbar vorbei
und schaut, als wüsste er,
was man in solchen Stunden sagt.
Er sagt nichts.

Wir tragen den letzten Stuhl hinunter.
Oben bleibt ein heller Fleck an der Wand.

02

Was in der Schublade war

Ein kleines Fundstück-Gedicht über Dinge, die beim Packen ihre eigene Zeit bewahren

In der Schublade unter den Geschirrtüchern:
ein einzelner Handschuh,
ein Knopf ohne Gegenstück,
drei Batterien, die niemand wegwerfen wollte,
ein Zettel mit einer Nummer,
die heute nicht mehr stimmt.

Ich lege alles auf den Boden,
als müsste daraus eine Entscheidung werden.

Der Handschuh kommt in den Müll.
Der Knopf in die Manteltasche.
Die Batterien bleiben bei den Kabeln.
Den Zettel falte ich zweimal
und stecke ihn in den Karton
mit der Aufschrift: später.

03

Die Pflanze auf dem Beifahrersitz

Ein kurzer Abschied für das empfindlichste Gepäckstück

Die Pflanze fährt angeschnallt.
Nicht schnell, sagt der Blinker,
nicht scharf um die Ecke.

Auf dem Rücksitz liegen Teller,
Handtücher, ein Werkzeugkasten.
Vorn bewacht sie die Kreuzung
mit ihren staubigen Blättern.

An der roten Ampel
sehe ich im Fenster des Ladens
zum letzten Mal die Fassade.

Die Pflanze kippt leicht.
Ich halte sie fest.
Dann wird es grün.

Unterwegs

Hier verschiebt sich der Blick aus den Räumen hinaus: Der Weg wird zur Zwischenzeit, in der alte und neue Adresse noch gleichzeitig gelten.

04

Die Stadt im Rückspiegel

Ein Umzugsgedicht über die Strecke, die weder Abschied noch Ankunft ganz erfüllt

Hinter uns: der Bäcker mit dem schiefen Schild,
die Baustelle, die nie fertig wurde,
der Baum vor dem Haus,
der im April immer zuerst blühte.

Neben mir sitzt der Karton mit den Büchern.
Bei jeder Kurve rutscht er gegen die Tür.

Vor uns werden die Häuser niedriger.
Ein Feld beginnt,
noch bevor die Stadt aufgehört hat.

Ich drehe den Rückspiegel ein Stück,
nicht weg von dort,
nur so, dass auch die Straße vor uns hineinpasst.

05

Zwischen den Kartons

Ein Refrain-Gedicht für die erschöpfte, komische Mitte eines Umzugstags

Noch ist nichts angekommen.
Noch ist nichts verloren.

Der Tisch steht quer,
die Matratze fehlt,
und jemand sucht seit zehn Minuten
den Schlüssel für den Transporter.

Noch ist nichts angekommen.
Noch ist nichts verloren.

Im Handschuhfach liegt ein Apfel.
Im Karton mit den Gläsern
klappert eine einzelne Gabel.
Auf dem Gehweg sitzt der Hund
des neuen Nachbarn
und hält uns für sehr beschäftigt.

Noch ist nichts angekommen.
Noch ist nichts verloren.

Als die Tür des Wagens zufällt,
steht der Schlüssel plötzlich
in der Jackentasche.

Erste Tage am neuen Ort

Die neuen Räume bleiben zunächst unfertig und fremd; kleine Wahrnehmungen zeigen, wie vorsichtig Vertrautheit entsteht.

06

Im Flur fehlt noch der Boden

Ein Prosagedicht über eine Wohnung, die noch keine fertige Behauptung ist

Im Flur fehlt noch der Boden. Die Bretter liegen gestapelt neben dem Fenster, jedes mit einer anderen Maserung, als hätten sie sich unterwegs nicht abgesprochen. Ich stelle die Schuhe auf den Estrich und gehe barfuß bis zur Küche. Dort steht der Kühlschrank, angeschlossen, aber leer. Aus dem Bad kommt das regelmäßige Tropfen eines Hahns, den wir morgen reparieren wollen. Im Wohnzimmer liegt die Matratze auf einer Decke. Durch das offene Fenster dringt eine Stimme aus dem Hinterhof, die ich nicht kenne. Sie ruft nach einem Eimer. Ich antworte nicht. Später werde ich wissen, aus welchem Stock sie kommt.

07

Die Klingel schreibt meinen Namen

Ein leises Gedicht über den ersten sichtbaren Beweis, an einem Ort zu wohnen

Ein Streifen Papier,
mit Tesafilm befestigt,
mein Name in Großbuchstaben.

Die Klingel darunter
ist kleiner als erwartet.
Sie klingt bis in den dritten Stock,
wo noch keine Gardinen hängen.

Jemand hat im Hausflur
zwei Pakete abgestellt.
Eines gehört mir,
eines nicht.

Ich trage beide hinein,
lese die fremde Adresse
und stelle das fremde Paket
wieder vor die Tür.

Dann drücke ich einmal auf meine Klingel,
nur um zu hören,
wo ich jetzt bin.

08

Die erste Wäsche

Ein unaufgeregtes Gedicht über eine alltägliche Handlung, die einen Ort benutzbar macht

Die Waschmaschine kennt den Raum noch nicht.
Sie rüttelt an der Wand,
als wollte sie prüfen,
wie fest alles gebaut ist.

Im Korb liegen zwei Hemden,
ein Handtuch,
eine Socke ohne Partner.
Die Bedienungsanleitung bleibt offen
auf dem Fensterbrett.

Draußen fährt die Straßenbahn vorbei.
Das Glas im Badezimmer zittert.

Ich hänge die nasse Wäsche
neben dem neuen Tisch auf.
Ein Tropfen fällt auf die Platte
und bleibt dort,
bis ich ihn wegwische.

Was bleibt, bevor es vertraut wird

Die letzten Stücke betrachten den neuen Ort nicht als Lösung, sondern als offene Anordnung aus Geräuschen, Abwesenheiten und ersten Gewohnheiten.

09

Karton mit der falschen Aufschrift

Ein leicht schräges Gedicht über Ordnung, die beim Umzug ihre eigenen Regeln verliert

Auf dem Karton steht: Winterkleidung.
Darin liegen Lampenschirme,
ein Topfdeckel,
der Atlas von 1998
und vier einzelne Socken.

Im Karton mit der Aufschrift Bücher
finde ich den Toaster.
Im Karton Küche
liegt nur die Fernbedienung.

Wir öffnen alles,
was wir brauchen,
und brauchen meist etwas anderes.

Am Abend sitzen wir auf dem Boden,
zwischen den Etiketten,
und nennen den Raum Wohnzimmer,
obwohl noch kein Vorhang hängt.

10

Der Regen kennt die Dachrinne

Ein offenes Schlussgedicht über ein Geräusch, das früher da ist als jedes Gefühl von Zuhause

Heute Nacht regnet es.
Nicht stärker als anderswo,
nur näher am Fenster.

Die Kartons stehen noch im Schlafzimmer,
die Bilder lehnen an der Wand,
der Briefkasten trägt einen Namen,
den ich erst buchstabieren muss.

Unter dem Dach läuft das Wasser
in einer gleichmäßigen Spur.

Ich liege wach
und höre, wie die Dachrinne
ihre Arbeit kennt.

Morgen suche ich den Hammer.
Heute bleibt die Wand noch leer.