10 Originalgedichte

Gedichte für die beste Freundin

Zehn neue Gedichte für eine enge Freundin – von kurzen Nachrichten bis zu persönlichen Versen über Alltag, Entfernung, Humor und Nähe.

Manchmal reicht eine Nachricht, manchmal braucht ein Gefühl mehr Platz: ein paar Zeilen über den schiefen Witz, die ungefragte Hilfe oder das Wiedersehen nach langer Zeit.

Diese zehn Originalgedichte bleiben bei konkreten Gesten und offenen Szenen. Sie behaupten keine perfekte Freundschaft, sondern lassen auch Schweigen, Reibung und unterschiedliche Wege stehen.

Kurze Zeilen für eine Nachricht

Drei kompakte Gedichte, die sich direkt verschicken oder als persönliche Notiz verwenden lassen.

01

Notiz im Seitenfach

Kurz und direkt für eine Nachricht zwischendurch

Du hast mein Nein gehört,
bevor ich es aussprechen konnte,
und mir trotzdem
Kartoffeln mitgebracht.

Mehr muss man über Nähe
heute vielleicht nicht sagen.

02

Kabelsalat

Humorvoller Gruß für eine Freundin, mit der man sich nicht erklären muss

Wir finden den Anfang nicht,
verheddern uns im zweiten Satz,
lachen über die Sprachnachricht
und schicken eine längere hinterher.

Du schreibst: Bin gleich da.
Ich weiß:
Das kann alles bedeuten.

03

Wenn du gleich liest

Eine knappe direkte Anrede ohne großen Anlass

Wenn du gleich liest,
dass ich an dich denke,
ist das kein Wink,
kein Auftrag,
kein Grund für eine Antwort.

Nur diese kleine Tatsache,
die sich nicht beeilen muss:
Du fehlst mir gerade
auf eine gute Art.

Gemeinsam gelebter Alltag

Vier längere Stücke zeigen Freundschaft nicht als Idealbild, sondern in kleinen Handgriffen, Missverständnissen und geteilter Zeit.

04

Die Jacke über dem Stuhl

Ruhiges Alltagsgedicht über Hilfe, die nicht nach Aufmerksamkeit verlangt

Du legst deine Jacke über den Stuhl,
als würdest du bleiben.
Dann gehst du doch,
nimmst den Schlüssel,
vergisst den Schal.

Ich rufe dir hinterher,
mitten im Treppenhaus,
und du drehst dich um,
als hätte der Abend
nur auf diesen kleinen Fehler gewartet.

Später liegt der Schal bei mir.
Nicht als Andenken.
Nur weil du frierst,
wenn du dich beeilst.

05

An der Kasse

Erzählgedicht mit kleiner Reibung und einem unpathetischen Ende

Du sagst, ich solle endlich
aufhören, alles abzuwägen.
Ich sage, du würdest
immer zu schnell entscheiden.

Vor uns zählt jemand Kleingeld.
Hinter uns seufzt eine Tüte.
Wir stehen da,
beide überzeugt,
beide ein wenig falsch.

Draußen gibst du mir
den Apfel, den ich vergessen habe.
Ich trage deinen viel zu schweren Beutel.
Wir klären den Streit nicht.
Wir gehen trotzdem nebeneinander.

06

Der falsche Deckel

Bildfolge über vertraute Ungeduld und praktische Fürsorge

Der Deckel passt nicht.
Du drückst ihn trotzdem fest.

Der Bus kommt zu früh.
Du winkst trotzdem.

Der Satz war zu scharf.
Du schickst trotzdem ein Foto
von der Gurke,
die aussieht wie ein kleiner Schuh.

Ich antworte erst später.
Nicht aus Stolz.
Ich muss noch lachen.

Dann bringe ich dir den Deckel.
Den richtigen.

07

Die Pause im Flur

Etwas längeres Stück über Nähe, die auch ein Gespräch aushält

Wir stehen im Flur,
wo die Schuhe durcheinanderliegen
und niemand Platz macht.

Du sagst:
Das war nicht fair.

Ich kenne den Impuls,
sofort etwas Kluges zu finden,
einen Satz mit sauberem Rand.
Doch heute ist kein Rand da.

Also sehe ich auf deine Hände,
auf den kleinen Farbfleck am Daumen,
und sage:
Du hast recht, dass es wehgetan hat.

Draußen fährt ein Lieferwagen vorbei.
Sein Piepen wird leiser.
Wir bleiben noch einen Augenblick,
bevor einer von uns
den Weg zur Küche freimacht.

Entfernung und Wiedersehen

Drei gut sprechbare Gedichte über getrennte Orte, veränderte Gewohnheiten und den Moment, in dem Nähe wieder konkret wird.

08

Landkarten im Handylicht

Offenes Distanzgedicht ohne Versprechen, dass alles gleich bleibt

Auf deinem Bildschirm
liegt die Stadt wie ein Plan,
auf meinem die Strecke zu dir.

Wir zeigen uns Kreuzungen,
Haltestellen,
Cafés mit Namen,
die keiner von uns aussprechen kann.

Du sagst: Hier wäre es schön.
Ich sage: Vielleicht.

Das Gespräch bricht ab,
bevor es etwas versprechen muss.

Im dunklen Fenster
sehe ich mein eigenes Gesicht
neben der blauen Linie,
die weiterläuft.

09

Der Ton vor dem Bild

Anaphorisches Gedicht für die Zeit zwischen Ankunft und wirklichem Wiedersehen

Erst höre ich deine Stimme,
dann sehe ich den Bahnsteig,
dann dich.

Erst höre ich dein Lachen,
dann suchst du im Gepäck,
dann winkst du.

Erst höre ich:
Ich bin gleich da,
dann fällt die Verbindung aus,
dann bist du es wirklich.

Wir umarmen uns nicht lange.
Der Zug fährt weiter.
Die Durchsage verschluckt deinen Namen.

Aber deine Stimme
bleibt noch neben mir,
als wir zum Ausgang gehen.

10

Am Fenster zum Hinterhof

Sprechbarer Schluss über ein Wiedersehen, das nicht inszeniert werden muss

Du bist wieder da
und erzählst zuerst von der kaputten Lampe,
vom Zimmer mit dem zu kleinen Tisch,
vom Mann im Aufzug,
der immer in die falsche Richtung fuhr.

Ich stelle zwei Teller hin,
obwohl wir nur Brot haben.
Du schiebst mir die größere Hälfte zu.
Ich schiebe sie zurück.

Draußen hängt Wäsche
über dem Hinterhof,
als hätte jemand den Tag
zum Trocknen aufgehängt.

Du bist wieder da.
Das genügt für diesen Abend.