10 Originalgedichte
Gedichte über Freundschaft
Originale Verse über Freundschaften, die im Alltag tragen, Entfernung aushalten und auch dann bleiben, wenn zwei Menschen nicht derselben Meinung sind.
Auf dem Küchentisch steht eine Tasse, die niemand wegstellt, weil gleich jemand kommt. Freundschaft zeigt sich oft nicht in großen Erklärungen, sondern darin, wer den Schlüssel unter die Matte legt, eine Sprachnachricht nicht sofort beantwortet und trotzdem zuhört, wenn es darauf ankommt.
Diese Gedichte über Freundschaft betrachten verschiedene Formen von Nähe: die eingespielte Verlässlichkeit im Alltag, das Wiederfinden nach langer Entfernung und die kantige Verbundenheit zweier Menschen, die einander widersprechen können. Manche Texte sprechen direkt, andere bleiben bei einer Szene oder einem Gegenstand.
Alltag und Verlässlichkeit
Die ersten Gedichte zeigen Freundschaft in unspektakulären Handlungen, geteilten Gewohnheiten und einer Nähe, die keinen großen Auftritt braucht.
Der zweite Schlüssel
Ein stilles Gedicht über Vertrauen ohne Zeremonie
Du hast keinen Schlüssel verlangt.
Ich habe ihn trotzdem
zwischen deine Finger gelegt,
als wäre Metall eine einfache Antwort.
Jetzt liegt er bei dir,
neben Quittungen, Haargummi,
einem Zettel mit meiner alten Adresse.
Wenn du schon oben bist
und ich zu spät komme,
öffnest du nicht sofort.
Du wartest,
bis ich zweimal klopfe.
Dienstag mit Zwiebeln
Ein heiteres Freundschaftsgedicht für vertraute Alltagsnähe
Wir schneiden Zwiebeln
und behaupten beide,
es liege am Wetter.
Du salzt zu früh.
Ich sage nichts,
weil du darauf bestehst.
Auf dem Herd kocht etwas,
das keinen Namen braucht.
Draußen fährt der Bus
zu spät ab.
Wir essen aus tiefen Tellern
und teilen die letzte Gurke
so ungerecht,
dass es wieder gerecht ist.
Was auf der Liste bleibt
Ein Beobachtungsgedicht über Hilfe, die sich nicht ankündigt
Auf deiner Einkaufsliste stehen
Milch, Reis, Batterien.
Darunter, in einer anderen Schrift:
Bescheid sagen.
Du hast die Zeile nicht gelesen.
Oder doch.
Am Nachmittag klingelt es.
Vor der Tür: eine Tüte,
ein Brot mit zu viel Kruste,
der Schraubenzieher,
den ich seit Mai vermisse.
Du bleibst nicht lange.
Du fragst nur,
ob der Tisch noch wackelt.
Er wackelt.
Du gehst in die Hocke.
Kurze Anweisung
Ein kompaktes Stück über praktische Fürsorge ohne Pathos
Wenn du kommst,
nimm den schweren Karton.
Nicht den mit den Gläsern,
den anderen.
Stell ihn dort ab,
wo noch Platz ist.
Dann trink einen Kaffee.
Er ist zu stark.
Das weißt du.
Entfernung und Wiedersehen
Diese Texte geben der Freundschaft Raum, wenn Städte, Arbeitszeiten oder Jahre zwischen zwei Menschen liegen.
Drei Zeiten
Ein ruhiger Text über Nachrichten, die eine Verbindung offenhalten
Morgens schickst du ein Bild vom Fenster.
Bei dir regnet es.
Mittags antworte ich mit dem Bahnsteig.
Bei mir fährt alles ab,
was pünktlich sein wollte.
Nachts kommt von dir nur ein Punkt.
Kein Satz, keine Frage.
Ich weiß nicht, ob du müde bist
oder ob der Tag zu schwer war.
Ich setze ebenfalls einen Punkt.
Nicht als Ende.
Eher als kleines Zeichen,
dass hier noch jemand liest.
Am Gleis fünf
Ein Wiedersehensgedicht mit einem unbeholfenen, lebendigen Schluss
Du stehst am Gleis fünf
und bist kleiner geworden.
Oder ich habe dich
zu lange nur auf Bildern gesehen.
Wir umarmen uns,
beide zu früh,
beide mit einem Arm
noch am Koffer.
Du erzählst von der neuen Stadt.
Ich erzähle nichts,
was sich in drei Jahren
ordentlich erzählen ließe.
Dann kaufst du zwei Brezeln,
verwechselst die Tüten
und gibst mir die mit Senf.
Ich esse sie trotzdem.
Du hast dich nicht verändert.
Postkarte ohne Ort
Ein Prosagedicht über eine Freundschaft, die das Vermissen nicht eigens benennen muss
Ich finde deine Postkarte zwischen den Rechnungen. Auf der Vorderseite ist ein Gebäude, das ich nicht kenne, mit Fenstern, in denen niemand zu sehen ist. Hinten steht: Heute an dich gedacht. Sonst nichts. Kein Ort, kein Datum, keine Erklärung. Ich lege die Karte an den Kühlschrank, unter den Magneten mit dem abgebrochenen Haken. Wochen später erzähle ich dir am Telefon von meinem neuen Ofen. Du hörst zu und sagst, dass du diese Karte fast weggeworfen hättest. Ich sage, dass sie jetzt bei mir hängt. Wir schweigen kurz. Das genügt.
Reibung und Nähe
Zum Schluss werden die Freundschaften widersprüchlicher: Nähe bleibt bestehen, obwohl Kränkung, Streit und unterschiedliche Lebensentwürfe nicht verschwinden.
Die rote Tasse
Ein kantiger Dialog über Streit, Gewohnheit und ein vorsichtiges Bleiben
Du hast gesagt,
ich mache aus allem eine Prüfung.
Ich habe gesagt,
du kommst immer zu spät.
Die rote Tasse stand dazwischen,
mit einem Sprung am Henkel
und deinem Lippenstift am Rand.
Wir waren beide überzeugt,
im Recht zu sein.
Das war der einfachste Teil.
Der schwierige kam danach:
Du hast die Tasse gespült.
Ich habe den Tisch abgewischt.
Keiner hat sich entschuldigt.
Noch nicht.
Zwischen zwei Takten
Ein Gedicht über unterschiedliche Geschwindigkeiten in einer alten Freundschaft
Du willst jetzt los.
Ich bin noch bei dem Satz,
den du vor zehn Minuten
nicht beendet hast.
Vor der Ampel
wechseln wir die Seiten.
Du auf den Bus zu,
ich zum Park.
So trennt man sich,
wenn nichts entschieden ist:
mit einem Nicken,
das mehr fragt als bestätigt.
Später sehe ich deinen Namen
auf dem Display.
Ich lasse es klingeln,
bis der zweite Takt
nicht mehr nach Vorwurf klingt.
Nach dem Lärm
Ein stiller Nachhall über eine Freundschaft, die nicht vollständig geklärt ist
Am nächsten Morgen
liegt dein Schal über dem Stuhl.
Nicht dramatisch.
Nur vergessen.
Ich falte ihn nicht.
Ich räume die Gläser weg,
öffne das Fenster,
kehre die kleinen Krümel
unter den Tisch.
Auf dem Boden bleibt
ein Stück Papier,
auf dem du während des Streits
etwas angekreuzt hast.
Ich lese es nicht.
Ich hänge deinen Schal
an den Haken neben der Tür.
Dort war er immer.