10 Originalgedichte

Liebesgedichte für Nähe, Alltag und Zwischentöne

Zehn neue Gedichte erzählen von vorsichtigem Anfang, vertrauten Handgriffen und dem, was zwischen zwei Menschen unausgesprochen bleibt.

Manchmal beginnt Liebe nicht mit einem großen Satz, sondern damit, dass jemand beim Abschied den losen Knopf an deiner Jacke bemerkt. Sie zeigt sich im geteilten Kopfhörer, in Zahnpastaresten am Waschbecken, in einer Nachricht, die nur aus einem Foto vom schiefen Einkaufszettel besteht.

Diese Liebesgedichte bleiben bei solchen Einzelheiten. Sie sprechen von beginnender Nähe, von einem Alltag, der nicht immer glänzt, und von Distanz, die sich nicht einfach auflösen lässt. Manche Verse sind zärtlich, andere trocken, traurig oder offen. Zusammen geben sie verschiedenen Stimmen Raum, ohne Liebe auf eine einzige Geste festzulegen.

Wo etwas anfängt

Gedichte über vorsichtige Annäherung, gespannte Aufmerksamkeit und die ersten kleinen Zeichen von Vertrautheit.

01

Der lose Knopf

Für den Anfang, wenn Aufmerksamkeit noch wie Zufall aussieht

Du sagst, der Knopf an meiner Jacke
hält nur noch aus Gewohnheit.

Im Bus ist es zu warm,
draußen liegen nasse Blätter
auf den Schienen der Straßenbahn.

Du ziehst Nadel und Faden
aus deiner Tasche,
als trägst du für solche Fälle
einen kleinen Haushalt mit dir.

Ich halte still.
Nicht wegen des Knopfs.

02

Zwischen zwei Haltestellen

Ein Gedicht über den Mut, einen Abend nicht zu früh zu beenden

Wir hätten längst aussteigen können.

Die Stadt zieht an uns vorbei,
Kioske, Baustellen, ein Mann
mit einem Bund Luftballons.

Du erzählst von deinem Bruder,
ich von dem Fleck an meiner Decke,
den ich seit drei Monaten ignoriere.

An der nächsten Haltestelle
sagst du: Noch eine.

Ich drücke den Knopf nicht.
Du auch nicht.

03

Inventar des ersten Abends

Eine spielerische Liste aus Dingen, die mehr verraten als große Bekenntnisse

Eine Tasse mit abgesplittertem Rand.
Zwei Stühle, einer wackelt.
Dein nasser Ärmel auf meinem Tisch.
Ein Name, den ich falsch ausspreche.
Dein Lachen darüber.
Die Rechnung, dreimal gefaltet.
Ein Stück Petersilie zwischen deinen Zähnen.
Mein Blick, der dort bleibt.

Später: der Schlüssel im Schloss,
der nicht sofort passt.

Noch später: deine Nachricht,
nur ein Punkt und ein Fragezeichen.

Was bleibt, wenn der Tag läuft

Gedichte über gelebte Liebe in Routinen, Reibung, Fürsorge und den unscheinbaren Vereinbarungen des gemeinsamen Lebens.

04

Dienstag mit Kartoffeln

Für eine Liebe, die sich zwischen Einkauf, Müdigkeit und gemeinsamer Arbeit bewährt

Du schälst die Kartoffeln,
ich suche den Deckel für den Topf.
Wir sprechen nicht über den Tag.
Der Tag liegt bereits überall:
auf deiner Stirn,
in meiner linken Schulter,
zwischen den ungeöffneten Briefen.

Du stellst mir den kleineren Teller hin,
weil du weißt, dass ich heute
nicht viel essen werde.
Ich ziehe die Schüssel mit den Schalen zu mir,
nicht aus Großzügigkeit.
Aus Gewohnheit, die weicher geworden ist.

05

Gebrauchsanweisung für uns

Eine nüchterne und liebevolle Liste gemeinsamer Regeln, die niemand aufgeschrieben hat

1. Wenn du schweigst, nicht sofort
die Möbel umstellen.

2. Den letzten Kaffee teilen,
auch wenn er nach gestern schmeckt.

3. Bei Streit nicht mit dem
vollständigen Archiv beginnen.

4. Den Einkauf ohne Nachricht
nicht als Botschaft lesen.

5. Wenn einer friert,
die Decke nicht kommentieren.

6. Vor dem Schlafen prüfen:
Schlüssel, Herd, einander.

7. Morgen wieder versuchen,
aber nicht feierlich.

06

Vierzeiler mit Waschmaschine

Ein knappes Gedicht über Verlässlichkeit ohne große Geste

Die Waschmaschine rumpelt, du hältst sie fest,
weil sie sonst durch die Küche reist.
Du fluchst, ich lache, du bleibst trotzdem da:
So klingt ein ziemlich guter Plan.

07

Die Seite mit dem Fleck

Über Nähe, die auch im Nebeneinander und in kleinen Störungen lesbar wird

Im Buch, das du mir geliehen hast,
ist auf Seite siebenundvierzig
ein dunkler Fleck.
Kaffee, vermute ich.
Oder Suppe.

Du hast die Stelle markiert,
aber nicht den Satz, der danebensteht.
Nur ein Stück Papier steckt dort,
auf dem du notiert hast:
Kauf Spülmittel.

Ich lese dieselbe Seite
seit drei Abenden.
Nicht, weil sie schwierig ist.
Weil deine Schrift darunterliegt.

Wenn Nähe nicht einfach ist

Gedichte über Entfernung, Unsicherheit und die Möglichkeit, dass Verbundenheit neben offenen Fragen bestehen bleibt.

08

Die Zwei-Uhr-Nachricht

Für die Nacht, in der ein kurzer Satz mehr offenlässt, als er klärt

Um zwei Uhr schreibst du:
Bin angekommen.

Kein Punkt.
Kein Bild vom Zimmer,
keine Erklärung für die drei Tage.

Ich lege das Telefon
mit dem Display nach unten,
als könnte es dann
weniger wahr sein.

Im Flur tropft der Wasserhahn.
Ich zähle die Tropfen nicht.
Ich höre nur,
dass sie weiterfallen.

09

Abfahrtsanzeige

Ein Gedicht über Wiedersehen, das nicht mehr selbstverständlich wirkt

Auf der Anzeige springt die Zahl um.
Noch zwölf Minuten.
Dann elf.

Du stehst am anderen Ende des Bahnsteigs
und winkst nicht.
Ich weiß nicht, ob du mich siehst.

Zwischen uns fährt ein Zug ein,
zu lang für eine Begrüßung,
zu kurz für eine Ausrede.

Als er weiterrollt,
hebst du die Hand.
Nicht zum Winken.
Du zeigst auf meinen offenen Schuh.

10

Was der Flur behält

Ein stiller Schluss über Abwesenheit, ohne sie in eine eindeutige Antwort zu verwandeln

Dein Mantel hängt noch dort,
wo die Tür gegen ihn schlägt.

Nicht aus Hoffnung.
Die Garderobe ist klein,
und der andere Haken wackelt.

Im Schuh darunter
liegt ein Kiesel vom letzten Spaziergang.
Ich könnte ihn wegwerfen.

Stattdessen ziehe ich den Mantel an,
nur bis zum Briefkasten.
Er riecht nach kalter Luft
und ein wenig nach dir.

Vor der Tür richte ich den Kragen.