10 Originalgedichte
Gedichte zum Vorlesen mit Rhythmus und Nachklang
Zehn neue Gedichte für laute Stimmen, stille Räume und Menschen, die zwischen Alltag, Erinnerung und Gegenwart genauer hinhören möchten.
Eine Stimme hebt sich über einer Tasse, am gedeckten Tisch oder in einem Raum, der noch keinen festen Abend hat. Gedichte zum Vorlesen brauchen dabei nicht laut zu sein. Sie dürfen stolpern, anhalten, schmunzeln oder einen Satz so stehen lassen, dass danach kurz nichts gesagt werden muss.
Diese zehn Originalgedichte sind für Erwachsene und gemischte Gruppen geschrieben. Manche folgen einem deutlichen Takt, andere erzählen eine kleine Szene oder bleiben bei wenigen, genau gesetzten Worten. Die Texte funktionieren gesprochen und auf der Seite: mit Atemstellen, wechselnden Stimmen und Bildern, die nicht schon alles erklären.
Wenn der Alltag eine Stimme bekommt
Kurze und klangvolle Gedichte mit klaren Atemstellen für den Einstieg, den Küchentisch oder eine kleine Runde.
Der Löffel im Glas
Ein kurzer Auftakt über einen vertrauten Ton am Morgen
Der Löffel fällt ins Teeglas,
als wüsste er, was gestern war.
Er klingt einmal, nicht mehr und nicht weniger,
dann steht der Morgen in der Küche.
Ich rühre nichts.
Ich höre nur,
wie aus dem kleinen hellen Klirren
ein Tag wird, der noch keinen Namen trägt.
Dreimal klopfen
Rhythmisches Gedicht für eine deutliche, leicht spielerische Lesart
Dreimal klopfen, einmal warten,
wer kommt herein mit nassen Karten?
Dreimal klopfen, zweimal sehen:
Man kann auch vor der Türe stehen.
Der Regen schreibt an unser Blech,
der Wind behauptet: Ich bin echt.
Wir öffnen nicht, wir bleiben hier,
und teilen uns das letzte Bier.
Dann klopft es wieder. Diesmal sacht.
Vielleicht hat jemand umgedacht.
Die Ampel zählt
Ein knappes Stadtgedicht mit hörbarem Wechsel von Tempo und Pause
Rot:
Die Bäckerin trägt Mehl am Ärmel.
Grün:
Ein Fahrrad schneidet durch die Pfütze.
Rot:
Jemand liest eine Nachricht
und wird sehr gerade.
Grün:
Die Straße nimmt uns auf.
Gelb:
Für einen Atemzug
hängen alle Farben
einen Atemzug lang
noch in der Luft
und keiner geht.
Stimmen, die etwas erzählen
Erzählende und bewegte Texte für Vorlesesituationen, in denen eine kleine Handlung den Rhythmus trägt.
Der Schraubenzieher
Eine Alltagsgeschichte über Reparatur, Geduld und ein unerwartetes Ende
Mein Nachbar hatte einen Schraubenzieher,
der war fast einen halben Meter lang.
Er lieh ihn mir an einem Mittwoch,
mit dem Satz: „Verlier ihn nicht, er findet zurück.“
Ich schraubte das Regal fest,
die lockere Lampe,
den Griff am Fenster.
Am Freitag lag das Werkzeug wieder vor seiner Tür.
Daneben ein Zettel: „Danke. Es war nicht bei mir.“
Seitdem grüßen wir uns vorsichtiger.
Man weiß ja nie, was ein Gegenstand über einen weiß.
Als der Zug sich entschied
Ein längeres Gedicht mit erzählerischem Puls und kleinen Haltepunkten
Der Zug stand schon bereit,
die Türen offen,
der Bahnsteig voller Menschen,
die alle wussten, wohin.
Nur der Mann mit dem gelben Schal
lief einmal hin und einmal her.
Er prüfte seine Tasche,
seine Uhr, den Himmel,
dann stieg er ein.
Bei der nächsten Station
stieg er wieder aus.
Er stellte sich unter das Dach
und sah dem Zug nach,
als hätte der Zug gewählt.
Eine Frau neben ihm fragte nichts.
Sie reichte ihm ein Bonbon,
blau verpackt, viel zu süß.
Der Mann nahm es.
Der nächste Zug kam pünktlich.
Diesmal blieb die Tür länger offen.
Rede an den Reparaturzettel
Ein Prosagedicht für eine markante, fast gesprochene Stimme
Du klebst seit drei Wochen am Aufzug: Außer Betrieb. Darunter hat jemand mit Bleistift geschrieben: „Auch ich.“ Darunter wieder jemand: „Wegen Ersatzteilen.“ Am Montag wurde der Aufzug repariert. Der Zettel blieb hängen. Niemand wollte ihn abziehen, weil inzwischen drei Handschriften darauf standen und jede so tat, als hätte sie nur kurz gewartet. Heute fährt der Aufzug wieder. Im ersten Stock steigt ein Mann aus, schaut auf die Notizen und sagt: „Na bitte.“ Das klingt nicht nach Erleichterung. Eher nach einer Vereinbarung.
Was nach dem Sprechen bleibt
Ruhigere Gedichte mit verlängerten Pausen, offenen Kanten und einem Nachhall, der nicht auf eine Antwort drängt.
Die Stille nach dem Satz
Ein ruhiger Text über das Gewicht einer nicht sofort beantworteten Aussage
Du sagst: Es war ein langer Winter.
Nicht als Klage.
Nicht als Erklärung.
Ein Satz, abgelegt zwischen zwei Tellern.
Draußen schiebt der Hausmeister Kies
über den gefrorenen Weg.
Korn um Korn,
als ließe sich damit etwas ausgleichen.
Ich antworte nicht.
Ich stelle den Teller näher zu dir.
Das ist wenig.
Es ist der nächste Satz.
Orange im Schnee
Ein bildstarkes Gedicht über einen kleinen Fund und eine verschobene Zeit
Am Rand des Spielplatzes,
zwischen zwei gefrorenen Fußabdrücken,
liegt eine Orange.
Zu weich für diesen Winter,
noch unberührt von den Krähen.
Ihre Schale hält die Farbe fest,
als hätte jemand den Sommer
in eine Jackentasche gesteckt
und beim Rennen verloren.
Ich hebe sie nicht auf.
Ich lasse sie dort,
wo der Schnee sie umgibt
und die Welt für einen Moment
nicht weiß, was sie daraus machen soll.
Drei übriggebliebene Worte
Ein knappes Nachhallgedicht, das mit Pausen und Wiederholung arbeitet
Nicht heute.
Das sagst du zuerst.
Dann:
Vielleicht später.
Am Ende bleibt
zwischen Tür und Stimme
nur das Wort
„bleib“.
Es gehört niemandem.
Es liegt dort,
wo eben noch
dein Mantel hing.
Wenn die Stimmen sinken
Ein Schlussgedicht für eine Runde, die nach dem Vorlesen nicht sofort auseinandergeht
Wenn die Stimmen sinken,
wird der Raum nicht kleiner.
Er zeigt nur seine Ränder:
die Lampe über dem Tisch,
den Kratzer im Boden,
das Fenster, das den Abend spiegelt.
Jemand faltet das Papier.
Jemand sieht zur Seite.
Niemand sucht den richtigen Satz.
Draußen fährt ein Bus vorbei,
zu spät für den Fahrplan,
früh genug für jemanden,
der noch unterwegs ist.
Ihr hört ihn nicht mehr.
Aber ihr wisst,
dass eine Straße weiter
sein Licht durch die Häuser zieht.