10 Originalgedichte

Lustige Weihnachtsmann-Gedichte mit eigener Pointe

Zehn neue Originalgedichte über verspätete Auftritte, widerspenstige Geschenke und den freundlichen Unsinn rund um den Weihnachtsmann.

Der Weihnachtsmann kommt selten genau so an, wie es im Programm steht: Ein Bart verhakt sich, ein Rentier verwechselt die Einfahrt, und irgendwo fehlt immer ein Geschenk. Diese neuen lustigen Weihnachtsmann-Gedichte machen daraus keine große Legende, sondern beobachten die kleinen Störungen, die einen Auftritt erst menschlich und komisch werden lassen.

Die Sammlung wechselt zwischen trockenen Szenen, kurzen Missgeschicken und einem Nachhall, der nicht alles glattbügelt. Mal spricht der Weihnachtsmann selbst, mal schaut ein Kind, eine Nachbarin oder ein erschöpfter Organisator auf das Geschehen. Alle Texte sind eigens für Gedichthain entstanden.

Trockene Beobachtung

Der Weihnachtsmann erscheint hier als Figur in alltäglichen Situationen: leicht überfordert, erstaunlich sachlich und nie ganz Herr der festlichen Lage.

01

Dienstplan mit Rentieren

Ein nüchterner Weihnachtsmann-Monolog über Logistik, Erwartungen und vier sehr eigene Tiere.

Ich habe eine Liste.
Sie beginnt bei sieben Uhr zwölf.

Darauf stehen:
Kamin, Kinder, Sack,
keine Zwischenfragen.

Die Rentiere haben dazu
andere Vorstellungen.
Eines bleibt vor dem Gartentor stehen,
eines frisst den Lageplan,
eines hört nur auf seinen Spitznamen.

Das vierte ist pünktlich.
Es sieht mich an,
als wäre ich derjenige,
der den ganzen Abend
schlecht vorbereitet ist.

Ich setze einen Haken
neben „Ankunft“.
Dann unter „Wunder“
noch ein Fragezeichen.

Mehr lässt sich heute
nicht verwalten.

02

Der Bart im Reißverschluss

Ein knappes Missgeschickgedicht für alle, die festliche Würde schon an der Haustür verlieren.

Der Mantel sitzt.
Die Stiefel glänzen.
Der Sack ist schwer.

Nur der Bart
kommt nicht mit.

Er hängt im Reißverschluss
wie ein kleiner, weißer Protest.

Ich ziehe.
Der Bart bleibt.

Ich lächle in den Spiegel.
Der Spiegel lächelt nicht.

Von drinnen ruft jemand:
„Bist du das?“

Ich sage:
„Fast.“

03

Die Rede auf der Fußmatte

Ein längeres Szenengedicht über einen festlichen Auftritt, der an der falschen Tür beginnt.

Ich klopfe dreimal,
wie es im Ablauf steht.

Die Tür geht auf.
Ein Mann im Bademantel sieht mich an.

Ich beginne trotzdem:
„Ho, ho, ho, ich habe gehört,
dass du in diesem Jahr ...“

„Das kann nicht sein“, sagt er.
„Ich bin der Hausmeister.“

Hinter mir rutscht der Sack
von der Schulter und kippt
gegen den Blumentopf.

Im Sack klappert etwas,
das wahrscheinlich
für ein anderes Haus bestimmt ist.

Der Hausmeister schaut hinein.
„Für mich ist nichts dabei?“

„Das kommt darauf an“, sage ich,
„wie streng man die Hausordnung auslegt.“

Er lacht.
Ich lache.
Der Blumentopf bleibt ernst.

Dann zeigt er auf die Wohnung nebenan,
wo bereits ein Kind
mit einem roten Papierstern
an der Scheibe wartet.

Ich bedanke mich,
ziehe den Sack hoch
und gehe zwei Schritte weiter.

Der Hausmeister ruft mir nach:
„Und bitte leiser an der Klingel!“

Ich nicke.
Ein Weihnachtsmann
muss schließlich lernen,
wo die Grenzen liegen.

Kleine Missgeschicke

Hier entstehen die Pointen aus Timing, Verwechslung und praktischen Hindernissen statt aus Spott über Menschen.

04

Rentier auf dem Kreisverkehr

Ein schneller Vierzeiler über Navigation, Verkehrsregeln und festliche Selbstüberschätzung.

Das Rentier verpasst im Kreisverkehr
zum dritten Mal dieselbe Ausfahrt.
Ich winke höflich aus dem Schlitten:
„Wir nennen das jetzt Rundreise.“

05

Geschenkpapier im Windkanal

Ein Prosagedicht über einen Verpackungsversuch, bei dem der Wind die Regie übernimmt.

Am Vereinsheim liegt ein Geschenk auf dem Tisch, ordentlich beschriftet, mit einer Schleife, die sich für besonders zuverlässig hält. Der Weihnachtsmann beugt sich darüber, zieht die letzte Ecke straff und öffnet gleichzeitig das Fenster. Das Papier steigt auf, dreht eine Runde über den Kuchen und landet schließlich auf dem Kopf des Bürgermeisters, der gerade erklärt, warum dieses Jahr alles pünktlich begonnen habe. Niemand sagt etwas. Der Weihnachtsmann nimmt die Schleife aus dem Kuchenteig, der Bürgermeister hält das Papier fest, und ein Kind fragt, ob das Geschenk nun schon ausgepackt sei. Der Weihnachtsmann sieht zur Uhr. „Offiziell“, sagt er, „war das die Probe.“

06

Die Liste im Schlitten

Ein vergnügtes Dialoggedicht über eine Wunschliste, die plötzlich sehr praktische Prioritäten setzt.

„Ein Fahrrad, ein Teleskop,
einen Drachen aus Holz.“

Das Kind liest vor.
Der Weihnachtsmann nickt.

„Und ganz unten?“

„Warme Socken für Papa.
Er sagt seit Dienstag,
die Heizung reiche völlig.“

Der Weihnachtsmann schaut
zum Schlitten.

Dort sitzt Papa
mit zwei Decken,
einem Schal
und dem Ausdruck
stiller Verhandlung.

„Sehr vernünftig“, sagt der Mann.

„Das sage ich auch“, sagt das Kind.

Der Weihnachtsmann macht
auf seiner Liste
seinen ersten Haken
nicht beim Fahrrad.

Versöhnlicher Nachhall

Die letzten Gedichte lassen den festlichen Unsinn nachklingen: nicht als große Lehre, sondern als kleine Erinnerung an gemeinsame Unordnung.

08

Nach dem letzten Auftritt

Ein stilleres Gedicht über einen erschöpften Weihnachtsmann, der den Feierabend nicht ganz allein verbringt.

Nach dem letzten Auftritt
liegt der rote Mantel
über dem Beifahrersitz.

Der Bart hängt am Haken,
der Sack ist leer,
die Stiefel kennen
keine Feierlichkeit mehr.

An der Ampel
hält neben mir
ein Lieferwagen.

Der Fahrer schaut herüber,
zeigt auf den Bart
und hebt den Daumen.

Ich hebe meinen auch.

Hinter mir im Wagen
rollt eine einzelne Orange
bei jeder Kurve
von links nach rechts.

Sie hat offenbar
noch einen Termin.

Ich lasse sie rollen.

09

Der Weihnachtsmann im Wartezimmer

Eine kurze Beobachtung über einen öffentlichen Auftritt, der zwischen Zeitschriften und Sitznummern landet.

Der Weihnachtsmann sitzt im Wartezimmer.
Sein Sack steht neben dem Schirmständer.

Eine Frau fragt:
„Sind Sie vor mir?“

Er sieht auf die Nummer in seiner Hand.
Siebenundvierzig.

„Nur, wenn Sie nichts bestellt haben“, sagt er.

Die Frau lächelt.
Die Empfangskraft ruft die nächste Nummer.

Der Weihnachtsmann steht auf,
als wäre auch das
Teil seines Programms.

10

Morgen ist der Bart wieder da

Ein versöhnlicher Schluss ohne große Erklärung: Am Ende bleibt ein unperfekter Auftritt, über den alle lachen können.

Heute hat der Weihnachtsmann
seinen Bart im Bus vergessen.

Er bemerkte es erst,
als die Kinder schon saßen
und der Busfahrer fragte,
ob zur Rolle auch ein Ausweis gehöre.

Also erzählte er die Geschichte
ohne Bart,
mit roter Mütze,
kalten Ohren
und sehr viel Würde.

Die Kinder hörten zu.
Eines hielt den fehlenden Bart
für eine geheime Prüfung.
Ein anderes bot ihm
seinen Schal an.

Später brachte der Busfahrer
den Bart zurück.
Er lag auf dem Sitz
neben einer Tüte Brötchen.

„Er hat die ganze Fahrt
stillgehalten“, sagte der Fahrer.

Der Weihnachtsmann nahm ihn,
sah ihn an
und steckte ihn in den Sack.

Morgen ist er wieder da.
Heute war es auch so gut.