10 Originalgedichte

Gedichte zum Geburtstag für die Schwester

Zehn neue Originalgedichte für Karten, Tischreden und stille Momente am Geburtstag der Schwester – heiter, innig, eigenwillig und ohne fertige Sprüche.

Ein Geburtstag für die Schwester beginnt oft mit etwas Unscheinbarem: einem Umschlag auf dem Küchentisch, einer Gabel zu viel, dem kurzen Blick auf die Uhr, bevor die Gäste kommen. Diese neuen Originalgedichte bleiben nah an solchen Augenblicken und geben ihnen unterschiedliche Stimmen.

Manche Texte passen auf eine Karte, andere tragen sich beim Vorlesen am gedeckten Tisch. Neben Leichtigkeit und vertrauter Nähe gibt es auch Nachdenkliches, Unfertiges und einen kleinen Widerstand gegen allzu glatte Wünsche. So kann der passende Ton entstehen, ohne eine gemeinsame Geschichte zu erfinden.

Kurze Zeilen für die Karte

Kompakte Gedichte für eine persönliche Geburtstagskarte, einen Umschlag oder einen handgeschriebenen Gruß.

01

Wachs auf dem Umschlag

Ein kurzer Gruß für die Schwester, wenn Nähe wichtiger ist als ein großer Spruch.

Auf dem Umschlag ein Tropfen Wachs,
weil die Kerze zu nah stand.
Du lachst, ich schreibe weiter:
Bleib eigensinnig, bleib gespannt.

Der Kuchen wartet,
die Tür steht offen.
Für heute reicht ein Satz:
Gut, dass es dich gibt.
Den Rest sagen wir später.

02

Die zweite Gabel

Ein heiterer, kurzer Kartentext über die selbstverständliche Nähe zwischen Geschwistern.

Ich lege dir die zweite Gabel hin,
obwohl du noch nicht da bist.
Das ist bei uns kein Irrtum,
sondern eine Gewohnheit mit Besteck.

Du kommst,
du nimmst sie,
du sagst: Die ist krumm.
Und plötzlich ist der Tisch
vollständig.

03

Ein Satz, der nicht auf die Karte passt

Für eine Karte, die mehr andeuten als ausformulieren möchte.

Ich wollte schreiben:
Du hast mir gezeigt,
wie man eine Tür auch dann öffnet,
wenn man den Schlüssel
noch in der anderen Jacke sucht.

Dann war die Karte voll.
Also schreibe ich nur:
Alles Liebe zum Geburtstag.

Du weißt,
dass das nicht alles ist.

04

Unter dem Glasrand

Ein sehr kurzes Gedicht für einen stillen Gruß zwischen zwei Gängen.

Du hebst dein Glas,
ich sehe darunter
unser altes Nein
und unser späteres Ja.

Heute steht beides
still auf dem Tisch.

Gut vorlesbar am Geburtstagstisch

Gedichte mit klarer Bewegung und eigener Pointe, die sich vor Gästen sprechen lassen, ohne wie eine fertige Rede zu klingen.

05

Die Torte im Karton

Ein heiteres Vorlesegedicht über Ankunft, kleine Pannen und einen gelungenen Auftritt.

Die Torte kommt im Karton,
leicht geneigt,
als hätte sie unterwegs
über etwas nachgedacht.

An der Haustür fehlt der Klingelknopf.
Im Flur steht ein Fahrrad.
Jemand ruft deinen Namen
aus dem falschen Zimmer.

Du nimmst den Karton,
stellst ihn gerade,
sagst: Das wird schon.

Und tatsächlich:
Als alle sitzen,
hält die Torte.
Nur die Erdbeere rutscht
langsam an den Rand,
wo sie offenbar
mehr vom Abend sehen möchte.

Wir nehmen sie zuerst.

06

Die Ansprache im Gegenlicht

Ein Vorlesetext für den Moment, in dem die geplante Rede plötzlich persönlicher wird.

Ich habe Stichworte dabei:
Kindheit, Kuchen, Kalender,
ein paar Dinge, die man sagen kann,
wenn alle freundlich herschauen.

Dann fällt das Licht
auf deine Schulter,
und ich sehe nur,
dass du den Kopf leicht neigst,
wie damals,
wenn du etwas nicht sofort
beantworten wolltest.

Also streiche ich den Kalender.
Streiche auch das Wort immer.

Ich sage:
Du bist meine Schwester.
Das klingt kleiner,
als es ist.

Mehr habe ich nicht vorbereitet.

07

Die blaue Serviette auf dem Stuhl

Ein ruhiger Tischtext über einen freien Platz, der nicht als Verlust gelesen werden muss.

Auf dem Stuhl liegt eine blaue Serviette.
Niemand weiß, wer sie dort hingelegt hat.
Vielleicht du,
bevor du die Tür geöffnet hast.
Vielleicht ich,
bevor ich den Tisch gezählt habe.

Sie liegt dort wie ein kleiner Auftrag,
den niemand laut ausspricht:
Lass den Platz nicht zu ordentlich aussehen.
Lass Raum für jemanden,
der später kommt,
der noch telefoniert,
der seine Jacke sucht.

Wir essen.
Wir reden durcheinander.
Du schenkst nach.

Am Ende bleibt die Serviette liegen.
Nicht als Zeichen.
Einfach, weil heute niemand
alles wegräumen muss.

Festlich und nachdenklich

Längere und ruhigere Texte für eine Schwester, deren Geburtstag auch Raum für Zwischentöne und unausgesprochene Nähe lässt.

08

Märzlicht auf dem Kuchenmesser

Ein festlicher Text für einen Geburtstag am frühen Nachmittag, mit einer offenen Bewegung am Schluss.

Das Messer liegt neben dem Teller,
blank an der Schneide,
und fängt das Licht vom Fenster,
obwohl draußen noch kein richtiger Frühling ist.

Du stellst die Tassen zusammen,
Tasse um Tasse,
als würdest du dem Nachmittag
seine Plätze geben.

Ich denke an all die Jahre,
die wir nicht nebeneinander verbracht haben,
und an die wenigen,
die sich trotzdem
in denselben Satz legen lassen:
Du warst da.
Ich war manchmal spät.
Wir haben uns wiedererkannt.

Jemand lacht im Nebenraum.
Der Kaffee läuft über.
Du schiebst das Tuch darunter
und sagst, es sei nur Kaffee.

Das Messer bleibt hell.
Der Kuchen wird angeschnitten.

Was wäre, wenn ein Geburtstag
nicht zurückblicken müsste,
sondern einfach zeigen dürfte,
wo wir gerade stehen?

09

Die Stunde der umgedrehten Tassen

Ein stilles Gedicht für den Moment nach dem Fest, wenn die Wohnung wieder ihre eigene Ordnung annimmt.

Nach dem letzten Gast
stehen die Tassen umgedreht
auf dem Tuch.

Eine hat noch Lippenstift am Rand,
eine hat Krümel,
eine gar nichts.

Du trägst die Teller in die Küche,
ich lösche die kleinen Lichter,
die wir über dem Fenster befestigt haben.

Es war kein großer Abend.
Niemand hat eine Rede beendet.
Die Musik wusste manchmal nicht,
was sie als Nächstes spielen sollte.

Aber du hast gelacht,
als der Korken gegen die Decke sprang,
und ich habe diesen Ton
mit nach Hause genommen.

Morgen stehen die Tassen wieder richtig herum.
Heute dürfen sie noch schweigen.

10

Die Treppe mit dem gelben Band

Ein abschließendes, festliches Gedicht über ein Geschenk und das, was sich nicht verpacken lässt.

Am Geländer hängt ein gelbes Band,
zu lang für die Treppe,
zu kurz für eine Fahne.

Du gehst hinauf,
mit dem Geschenk unter dem Arm,
und hältst mitten auf der Stufe an,
weil von oben jemand ruft:
Nicht schummeln.

Du rufst zurück:
Ich lese nur die Schleife.

So beginnt dein Geburtstag:
mit einer kleinen Verhandlung
zwischen unten und oben,
zwischen Neugier und Geduld.

Später liegt das Papier
in großen Falten im Flur.
Das Geschenk ist ausgepackt,
die Schleife gelöst.

Nur das Band hängt noch am Geländer,
als hätte die Treppe
für die Dauer eines Rufes
etwas Festliches behalten.

Du bindest es ab.
Dann gibst du es mir.