10 Originalgedichte

Neue Gedichte für Opa

Zehn neue Gedichte über einen Großvater, der seinen eigenen Kopf hat, neugierig bleibt und in verschiedenen Lebensphasen nah oder fern sein kann.

Manchmal reicht ein Satz von Opa, um einen ganzen Nachmittag zu verändern: eine trockene Bemerkung, eine genaue Frage oder ein Vorschlag, den niemand erwartet hat. Nähe zeigt sich nicht immer in großen Gesten. Sie kann in einem gemeinsamen Weg, einem schiefen Lächeln oder einer Nachricht liegen, die erst später ihre Bedeutung bekommt.

Diese zehn originalen Gedichte richten den Blick auf einen lebendigen Großvater als Gegenüber: eigenwillig, aufmerksam, witzig, beschäftigt und nicht auf eine einzige Rolle festgelegt. Die Texte sprechen aus unterschiedlichen Generationen und Entfernungen, ohne einen bestimmten Familienalltag vorauszusetzen.

Neben dir, nicht hinter dir

Die ersten Gedichte zeigen unmittelbare Gegenwart und Begegnungen, in denen Opa als aktiver, wacher Gesprächspartner erscheint.

01

Die Tasche mit den Kirschen

Für einen gemeinsamen Weg mit kleinen Überraschungen

Du gehst drei Schritte voraus,
bleibst stehen, als hättest du
etwas Wichtiges entdeckt.

Es ist nur der Marktstand,
rote Kirschen in einer Papiertüte,
und du handelst nicht einmal.
Du sagst: Die sehen aus,
als hätten sie einen Plan.

Später gibst du mir die Tasche,
weil du beide Hände brauchst,
um den Weg zu erklären,
den wir längst kennen.

Ich trage die Kirschen.
Du trägst den Nachmittag weiter.

02

Die Fragen im Aufzug

Ein kurzes Gedicht über Neugier und generationenübergreifenden Austausch

Im Aufzug fragst du,
ob mein neues Handy
wirklich alles besser weiß.

Ich sage: fast alles.
Du sagst: Dann fehlt ihm ja noch was.

Im dritten Stock steigen wir aus.
Du hast das Gespräch nicht beendet,
ich habe die Antwort vergessen.

Gut so.
Wir reden beim nächsten Mal weiter.

03

Der falsche Weg zum Park

Ein leichtes Gedicht über Eigenständigkeit und gemeinsames Verlaufen

Du behauptest, der Park liege links.
Ich zeige auf die Karte: rechts.

Du nimmst trotzdem den Weg am Kiosk,
vorbei an drei Hunden,
einer Bäckerei und dem Mann,
der seine Zeitung immer verkehrt herum hält.

Nach zehn Minuten sagst du:
Siehst du, da ist er doch.

Der Park liegt hinter uns.

Wir drehen um,
aber nur, weil du plötzlich
Lust auf ein Eis hast.

Dein eigener Takt

Hier treten Opa und seine Eigenheiten hervor: mit Humor, Haltung und einer Präsenz, die sich nicht verniedlichen lässt.

04

Ordnung im Portemonnaie

Ein humorvolles Listengedicht für einen Großvater mit klaren Regeln

Im Portemonnaie meines Opas
liegen, sorgfältig gefaltet:

zwei Einkaufszettel,
ein Foto ohne Anlass,
eine Quittung von 2019,
drei Münzen aus Ländern,
in denen er nie gewesen ist,
ein Pflaster,
ein Knopf,
der zu keinem Hemd gehört,
und eine Telefonnummer
ohne Namen.

Auf meine Frage sagt er:
Man muss vorbereitet sein.

Worauf, frage ich.

Er klappt das Portemonnaie zu.
Auf alles.

05

Der rote Pullover

Eine knappe Momentaufnahme über sichtbaren Eigensinn

Du trägst Rot,
obwohl alle anderen
für Blau gestimmt haben.

Beim Gruppenfoto
stehst du ganz außen,
als wärst du zufällig hier.

Dann hebst du die Hand
und bringst alle zum Lachen.

Das Bild wird später
niemand erklären können.

Du schon gar nicht.

06

Der Apfel fällt daneben

Ein ungereimter Vierzeiler mit einem kleinen Schluss

Du schneidest den Apfel Stück für Stück
und legst das größte erst beiseite.
Dann schiebst du es wortlos zu mir.
Ich sage: Das war doch deins. Du lachst.

Wenn die Strecke dazwischenliegt

Die Entfernung wird nicht als Verlust festgeschrieben, sondern als wechselnde Form von Kontakt, Erinnerung und Gegenwart.

07

Die Nachricht mit dem Fehler

Für eine digitale Nachricht, in der Nähe durch Unvollkommenheit entsteht

Du schreibst:
Bin gut angekommen.
Der Weg war lang, aber die Stadt ist schön

Darunter ein Foto
von einem Platz,
den ich nicht kenne,
mit einem Brunnen,
der aussieht wie ein umgedrehter Hut.

Im letzten Satz fehlt der Punkt.

Ich lese die Nachricht dreimal
und höre dich dabei
über die Tastatur fluchen.

Dann antworte ich:
Der Brunnen steht dir.

08

Zugfenster nach Norden

Ein Gedicht über getrennte Orte und eine vertraute Stimme

Der Zug zieht Felder auseinander,
legt Dörfer unter Brücken,
vertauscht die Namen der Bahnhöfe.

Du sitzt zur selben Zeit
in einem Bus,
der in die andere Richtung fährt.

Wir haben beschlossen,
nicht dauernd auf die Uhr zu sehen.
Das war dein Vorschlag.
Du hast trotzdem zuerst angerufen.

Am Telefon sagst du:
Hier regnet es nicht.

Bei mir auch nicht.
Nur die Scheibe ist nass.

Was im Nachhall bleibt

Die letzten Gedichte öffnen den Blick über den einzelnen Besuch hinaus und lassen Beziehung als fortdauernde, nicht abgeschlossene Gegenwart erscheinen.

09

Dein Satz auf dem Zettel

Ein ruhiges Gedicht über einen beiläufigen Satz, der weiterarbeitet

Du hast ihn auf einen Kassenzettel geschrieben,
zwischen Brot und Waschmittel:

Nicht alles muss heute entschieden werden.

Kein Rat, sagst du,
nur eine Beobachtung.

Du faltest den Zettel
und steckst ihn in meine Jackentasche,
als gäbest du mir Wechselgeld.

Wochen später finde ich ihn wieder,
beim Warten auf einen Termin,
den ich selbst ausgesucht habe.

Ich lese den Satz.
Dann entscheide ich mich noch nicht.

10

Wenn du wiederkommst

Eine direkte Anrede über Vorfreude ohne große Geste

Wenn du wiederkommst,
wirst du behaupten,
dass du den Weg noch kennst.

Ich werde behaupten,
dass du dich verfahren hast.

Wir werden beide nicht nachsehen.

Du bringst vielleicht eine Zeitung mit,
einen schlechten Witz,
eine neue Meinung
zu einem Gespräch,
das noch gar nicht begonnen hat.

Ich stelle zwei Gläser auf das Fensterbrett.
Nicht feierlich.
Nur damit sie dort stehen,
wenn du klingelst.