10 Originalgedichte

Gedichte für Papa: zwischen Nähe, Reibung und eigenem Leben

Originale Verse für Väter, die kleine Gesten, erwachsene Gespräche und eine Nähe zeigen, in der beide Menschen bleiben dürfen.

Diese Gedichte für Papa passen nicht nur auf eine Karte. Sie sprechen von einem Vater, der Kaffee kocht, eigene Pläne hat, sich irrt, zuhört oder manchmal schwer erreichbar bleibt. Manche Verse richten sich direkt an ihn, andere betrachten ihn aus einiger Entfernung.

Die Sammlung hält verschiedene Lebensphasen offen: Kindheit klingt an, ohne sie festzuschreiben; erwachsene Begegnungen bekommen Raum; auch Spannung und fehlende Antworten dürfen stehen bleiben. So entsteht kein Bild vom perfekten Vater, sondern eine Reihe eigener Stimmen für das, was zwischen zwei Menschen möglich ist.

Kleine Gesten, die weiterreichen

Alltägliche Handlungen zeigen Zuneigung, ohne den Vater auf Fürsorge oder praktische Hilfe zu reduzieren.

01

Ränder am Becher

Ein stilles Gedicht über eine vertraute Morgenhandlung

Du stellst den Becher nicht vor mich,
sondern dorthin,
wo meine Hand ihn findet.

Am Rand bleibt ein heller Streifen,
Kaffee, der zu lange gewartet hat.
Du wischst ihn nicht weg.

Draußen schiebt sich der Tag
zwischen Häuser und Dächer.
Du liest die Zeitung von hinten nach vorn,
ich suche meinen Schlüssel.

Für einen Augenblick
müssen wir nichts erklären.
Deine Hand schiebt den Becher
zwei Zentimeter näher.

02

Dein freier Nachmittag

Ein Kataloggedicht über den Vater als Menschen mit eigenen Vorhaben

Heute bist du nicht
mein Vater im Dienst.

Heute bist du der Mann,
der den Bus verpasst,
weil er einer Frau den Weg erklärt.

Der Mann,
der im Schreibwarenladen
lange vor den Notizbüchern steht.

Der Mann,
der eine Rechnung offenlässt,
einen Film nicht zu Ende sieht,
sein Fahrrad nicht repariert,
weil das Wetter plötzlich stimmt.

Vielleicht gehst du später
in die Bücherei.
Vielleicht rufst du niemanden an.

Ich stelle mir vor,
wie du durch deinen Nachmittag gehst,
ohne dass jemand etwas von dir braucht.

03

Die Falte im Stadtplan

Eine direkte Ansprache zwischen Erinnerung und eigener Richtung

Papa,
als du den Stadtplan ausbreitest,
liegt die Falte genau über dem Fluss.

Du sagst: Hier müssten wir abbiegen.
Ich sage: Vielleicht wollte ich
auf die andere Seite.

Wir stehen mitten auf dem Platz,
beide mit unseren Händen
auf demselben Papier.

Keiner hat den Weg verloren.
Nur die Richtung
ist nicht mehr gemeinsam.

Du faltest den Plan kleiner,
steckst ihn in die Jacke
und gehst ein Stück neben mir,
ohne voranzugehen.

Erwachsene Begegnung

Die Gedichte verschieben den Blick: Vater und Kind begegnen sich als Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und offenen Fragen.

04

Was du nicht reparierst

Ein Gedicht über Ratlosigkeit, Zuhören und eine ungewohnte Form von Nähe

Früher hattest du für alles
mindestens drei Möglichkeiten:
einen neuen Draht,
einen anderen Winkel,
einen Satz, der das Problem
kleiner machte.

Jetzt erzähle ich dir von etwas,
das keinen Schraubenschlüssel kennt.
Du sitzt da und hältst
deine Hände still.

Kein Vorschlag.
Kein schneller Vergleich.
Nur dein Gesicht,
das nicht ausweicht,
als ich die Sache
zum dritten Mal anders erzähle.

Später steht die Lampe schief.
Du lässt sie schief stehen.
Wir sitzen darunter
und sehen beide genug.

05

Unter deinem eigenen Himmel

Ein Blick auf einen Vater jenseits seiner Familienrolle

Ich habe dich lange nur gesehen,
wenn du in meinen Tag kamst:
mit einer Tasche,
einem Schlüssel,
einer Frage nach der Schule.

Doch du hattest vorher schon
Sommer, die ich nicht kenne,
einen Freund mit lautem Lachen,
eine Wohnung über einer Bäckerei,
einen Traum, der vielleicht
nicht groß genug war für die Zeit.

Heute erzählst du von einem Lied,
das du damals gehört hast.
Du weißt noch, an welcher Ecke.

Ich höre nicht nach einer Lehre.
Ich höre dir dabei zu,
wie dein eigenes Leben
für einen Moment wieder
neben meinem steht.

06

Hinter der Tür zum Treppenhaus

Ein Prosagedicht über einen Besuch, der nicht glatt endet

Du begleitest mich bis zur Tür, obwohl der Weg vom Sofa dorthin nur sechs Schritte hat. Im Treppenhaus riecht es nach nassen Mänteln und dem Essen der Nachbarn. Du sagst noch etwas über den Wetterbericht, dann überlegst du es dir anders und fragst, ob ich gut angekommen bin. Ich sage, dass ich doch noch gar nicht los bin. Wir lachen, aber nicht an derselben Stelle. Unten fällt eine Tür ins Schloss. Du hältst die Klinke fest, als könntest du damit den Abend offenhalten. Ich ziehe meinen Mantel an. Du trittst zurück. Zwischen uns bleibt kein großer Satz, nur genug Platz, damit ich allein die Treppe hinuntergehen kann.

Nähe mit eigener Grenze

Diese Stimmen lassen Verbundenheit und Abstand zugleich gelten, ohne Versöhnung oder Harmonie zu erzwingen.

07

Die offene Schublade

Ein knappes Gedicht über Dinge, die nicht gemeinsam geordnet werden müssen

In deiner Schublade liegen
Briefmarken, ein einzelner Handschuh,
eine vergessene Telefonnummer,
die niemand mehr braucht.

Ich finde dort
meinen alten Schlüssel.

Du sagst, ich könne ihn behalten.
Ich sage, ich brauche ihn nicht.

Wir lassen die Schublade offen.
Nicht aus Nachlässigkeit.
Nur weil keiner von uns
heute entscheiden will,
was fort darf.

08

Kein gemeinsames Maß

Eine direkte Ansprache über Unterschiedlichkeit ohne endgültiges Urteil

Papa, du misst die Jahre
an den Dingen, die halten.
Ich messe sie an den Fragen,
die wiederkommen.

Du glaubst dem, was sich
mit beiden Händen tragen lässt.
Ich trage manches,
das niemand sehen kann,
und weiß nicht, ob das genügt.

Wir stehen in derselben Wohnung,
aber nicht in derselben Stunde.
Dein Blick bleibt an der Wand,
mein Blick an der Tür.

Trotzdem legst du den Mantel
über meinen Stuhl,
als wäre ich noch unterwegs.

Ich nehme ihn nicht weg.
Ich lasse ihn dort,
bis ich selbst entscheiden kann,
wann ich gehe.

Was leise bleibt

Der letzte Abschnitt wird stiller und lässt Erinnerung, Abwesenheit und fortbestehende Verbindung nebeneinander stehen.

09

Die ungezählte Stufe

Ein stilles Gedicht für eine Beziehung, die nicht vollständig benannt werden kann

Auf der Treppe zu deinem Haus
fehlt eine Stufe.
Nicht wirklich.
Nur in meiner Erinnerung.

Ich zähle bis sieben,
dann komme ich oben an.
Du öffnest nicht sofort.
Hinter der Tür bewegt sich etwas,
das ich nicht sehen kann.

Vielleicht suchst du deine Brille.
Vielleicht willst du noch allein sein.

Ich warte nicht lange.
Ich stelle die Tasche ab,
nehme sie wieder auf
und gehe hinunter.

Unten weiß ich noch,
wie deine Hand am Geländer lag:
als gehörte auch der Abstieg
zu deinem Haus.

10

Beim Abschalten des Lichts

Ein zurückgenommenes Schlussgedicht ohne versprochene Antwort

Du bist nicht nur der Name,
den ich in alten Formularen
unter „Vater“ eingetragen habe.

Du bist der Mann,
der nachts noch liest,
wenn das Haus längst schweigt,
der seinen Geburtstag vergisst
und sich an fremde Geburtstage erinnert.

Ich kenne nicht alle Zimmer,
in denen du gelebt hast.
Vielleicht kennst du auch
nicht alle, in denen ich wohne.

Am Telefon sagen wir
bis bald, obwohl keiner weiß,
wann das sein wird.

Dann gehst du durch deine Wohnung
und löschst Licht für Licht.

Papa,
ich bleibe noch einen Moment
in der Leitung.