10 Originalgedichte
Gedichte zum Neuanfang
Zehn neue Gedichte über den Moment, in dem etwas beginnt: unsicher, unspektakulär, manchmal komisch und nicht immer mit einem klaren Ziel.
Ein Neuanfang kann mit einer Kündigung beginnen, mit einem Umzug oder mit der ersten Mahlzeit, die wieder selbst gekocht wird. Manchmal verändert sich die Adresse, manchmal nur die Reihenfolge am Morgen. Diese originalen Gedichte bleiben bei solchen konkreten Augenblicken: beim fremden Schreibtisch, im ungewohnten Treppenhaus, an einem Montag, der noch keine Geschichte hat.
Nicht jeder Anfang fühlt sich groß an. Einige Verse tragen Vorfreude, andere Zweifel, Müdigkeit oder einen kleinen Rückschritt. Zusammen bilden sie keine Anleitung, sondern verschiedene Blicke auf das, was offen bleibt, sobald das Alte nicht mehr ganz passt.
Vor dem Schritt
Die ersten Gedichte halten Augenblicke fest, in denen eine Veränderung bereits spürbar ist, aber noch keinen sicheren Namen trägt.
Der noch leere Schrank
Für den Abend vor einem neuen beruflichen Abschnitt
Morgen hängt mein Name
an einem Schrank aus hellem Blech.
Heute suche ich noch
meinen Kugelschreiber,
als wäre er ein Zeuge.
Im Flur steht die Tasche,
zu ordentlich gepackt.
Darin: zwei Brote,
ein Ausweis,
der kleine Mut,
den man nicht vorzeigen muss.
Ich lösche das Licht.
Der Schrank bleibt leer.
Das genügt für heute.
Hausnummern im Regen
Ein Gedicht über den ersten Weg an einem neuen Ort
Die Straße biegt ab,
obwohl ich ihr noch nicht vertraue.
Hausnummern glänzen im Regen,
vier, sechs, acht —
mein neues Zuhause dazwischen.
Ein Mann trägt einen Topf
über den Gehweg.
Eine Katze verschwindet
unter einem Lieferwagen.
Niemand sieht,
dass ich angekommen bin.
Ich stelle mich unter das Vordach,
lese meinen Namen am Klingelschild
und drücke noch nicht.
Vor dem Brot
Ein sehr kurzes Gedicht über einen unscheinbaren Anfang
Ich knete den Teig.
Er klebt an meinen Händen.
Zum ersten Mal seit Wochen
warte ich, was daraus wird.
Was sich im Kleinen verschiebt
Hier beginnen Veränderungen nicht mit großen Erklärungen, sondern mit Handgriffen, Umwegen und neu verteilten Stunden.
Die Treppe ohne Knarren
Über eine neue Gewohnheit, die zunächst kaum auffällt
Früher blieb ich liegen,
bis der Wecker ein zweites Mal
seinen kleinen Prozess eröffnete.
Jetzt stehe ich auf,
bevor er klingelt.
Nicht aus Vernunft.
Der Körper hat offenbar
seine eigene Hausordnung.
Im Treppenhaus wartet
kein Zeichen, kein Beifall.
Nur die dritte Stufe,
die nicht knarrt,
und unten die kalte Türklinke.
Ich drücke sie hinab.
Draußen ist es noch nicht entschieden.
Neue Regeln für den Regenschirm
Ein leicht ironischer Blick auf den Alltag nach einem Umzug
Der Schirm wohnt jetzt
neben dem Herd.
Der Herd steht dort,
wo früher die Schuhe waren.
Die Schuhe stehen im Flur,
der Flur führt zur Küche,
die Küche hat ein Fenster
zum Parkplatz.
Ich schreibe nichts auf.
Ich lerne die Wege
wie ein höflicher Gast,
der bleiben darf.
Heute nehme ich den Schirm mit,
obwohl die Wolken abgezogen sind.
Zur Sicherheit.
Oder aus alter Ordnung.
Zwei Schritte zurück
Ein Gedicht über Fortschritt, der nicht geradlinig verläuft
Auf dem Hof liegt ein Kreidestrich.
Daneben mein Fahrrad.
Ich fahre los,
komme bis zum Tor,
steige ab,
sehe nach, ob ich noch ich bin.
Dann schiebe ich zurück.
Zwei Schritte.
Der Kies merkt es nicht.
Morgen stelle ich den Sattel höher.
Heute bleibt meine Hand
am Lenker.
Der Ausgang bleibt offen
Die letzten Gedichte lassen neue Situationen in Bewegung, ohne ihre Ergebnisse vorwegzunehmen.
Das Fenster zur Nordseite
Ein ruhiges Gedicht über Ankommen ohne endgültige Gewissheit
Am neuen Fenster wächst nichts,
was ich bestellt hätte.
Kein warmer Fleck auf dem Boden,
kein vertrauter Baum.
Nur das matte Licht,
das selbst am Mittag
bei sich bleibt.
Ich stelle einen Stuhl dorthin,
obwohl man von ihm aus
nichts Besonderes sieht.
Später setze ich mich.
Ein Bus fährt unten vorbei,
als hätte er eine Meinung.
Ich höre ihm nach,
bis der Raum wieder
seine eigene Größe hat.
Der Name im Postfach
Für einen Neuanfang, der durch ein kleines offizielles Zeichen sichtbar wird
Heute klebe ich den Streifen ein.
Mein Name, gedruckt,
sechs Buchstaben und ein Punkt.
Der Kleber hält sofort.
Das Papier steht gerade.
Ein Nachbar kommt herein,
sucht im falschen Fach,
entschuldigt sich und geht.
Ich bleibe vor der Reihe stehen.
Nicht stolz.
Nicht traurig.
Nur so,
als müsste ich erst lernen,
wohin ein Name gehört,
wenn er wieder neu klingt.
Kartoffeln für drei
Ein stilles Gedicht über eine erste Einladung nach langer Zurückgezogenheit
Ich zähle die Kartoffeln
und verrechne mich.
Drei Menschen kommen,
vier Kartoffeln zu viel.
Das Messer liegt stumpf,
der Tisch ist zu klein,
das Fenster beschlägt
von einer Suppe,
die noch keinen Namen hat.
Einer bringt Brot,
eine andere lacht schon im Flur.
Ich höre die Stimmen
und rühre weiter.
Später wird jemand sagen,
es sei ganz einfach gewesen.
Ich werde widersprechen.
Aber ich stelle den Topf
in die Mitte.
Am Rand des neuen Feldes
Ein offenes Schlussgedicht über Arbeit, Zweifel und den nächsten Morgen
Der Boden ist härter als gedacht.
Die Stiefel sinken kaum ein.
Neben mir steht die Reihe,
noch ohne Ende,
vor mir die Reihe,
noch ohne Anfang.
Ich habe gelernt,
wie man die Schnur spannt,
aber nicht,
ob ich hierbleibe.
Über den Dächern zieht ein Flugzeug.
Sein Geräusch wird kleiner.
Ich richte den Pfosten aus,
nehme die Hände vom Holz
und sehe nach,
ob er allein stehen kann.