10 Originalgedichte

Neue Gedichte über Bäume

Zehn neue Gedichte betrachten einzelne Bäume dort, wo Menschen ihnen begegnen: an Straßen, in Höfen, auf Feldern und unter wechselndem Himmel.

Diese Gedichte handeln nicht von Natur im Allgemeinen, sondern von einzelnen Bäumen mit einem bestimmten Ort, einer sichtbaren Geschichte und einer Umgebung, die sich verändert. Eine Platane steht zwischen parkenden Autos, ein Birnbaum trägt Netze, eine Fichte verliert im Sturm einen Ast.

Mal spricht ein Kind, mal eine Gärtnerin, ein Nachtfahrer oder jemand, der nur kurz stehen bleibt. Die Bäume werden dabei nicht zu weisen Gestalten erklärt. Sie bleiben körperlich, benutzt, gepflegt, beschädigt, belaubt oder kahl – und gerade darin genau.

Zwischen Häusern und Haltestellen

Urbane Bäume erscheinen als konkrete Nachbarn des Verkehrs, der Arbeit und der zufälligen Begegnung.

01

Unter der Platanenwaage

Eine Straßenszene über Maß, Verkehr und einen Baum, der nicht ausweicht

Die Platane zählt keine Jahre,
sie zählt die Busse,
die unter ihr bremsen.

Morgens hängt Nebel in den Ästen,
mittags hängt ein Lieferwagen
mit halb offenem Maul am Bordstein.

Ein Mann misst den Stamm mit beiden Armen,
kommt nicht herum,
misst noch einmal die Lücke
zwischen Baum und Fahrradständer.

Auf dem Papier wird sie kleiner.
Im Gehweg hebt sie eine Platte,
als hätte sie dort etwas vergessen.

Abends sammelt die Straße
ihre Geräusche ein.
Nur die Platane bleibt breit genug
für den letzten Schatten.

02

Hausnummer achtzehn

Ein kurzer Blick auf einen jungen Baum vor einem Mietshaus

Vor achtzehn
steht ein Baum,
noch dünn genug,
dass man ihn
mit einer Hand
verwechselt.

Der Wind weiß das nicht.

03

Die Linde am Endhalt

Ein Abendgedicht über Warten, Abfahrt und einen Baum am Rand der Stadt

Der Bus fährt leer zurück,
sein Licht streift kurz die Linde.
Sie steht am Endhalt, unbewegt,
als kenne sie die Gründe.

Im Wartehäuschen zählt ein Mann
die Münzen in der Hand.
Ein Mädchen malt mit ihrem Schuh
ein Viereck in den Sand.

Die Linde riecht nach nassem Staub,
nach Sommer, der nicht blieb.
Der Fahrer winkt, der Motor hustet,
als wär das Winken lieb.

Dann fährt der Bus die Kurve aus,
der Platz wird wieder weit.
Die Linde hält den Abend fest,
aber nicht die Zeit.

Was Hände mit Ästen machen

Diese Stücke beobachten Bäume im Gebrauch: beim Beschneiden, Ernten, Abstützen und beiläufigen Benutzen.

04

Die Birnenhaube

Ein Prosagedicht über Ernte, Schutz und die kleine Komik sorgfältiger Arbeit

Im Obstgarten bekommt der Birnbaum ein Netz über den Kopf, als müsse er zu einem Fest, dessen Regeln er nicht kennt. Zwei Menschen ziehen an den Ecken, einer flucht über einen Knoten, der andere lacht, weil die Leiter im Gras liegt und die Birnen trotzdem weiter wachsen. Unter dem Netz wird der Nachmittag grün und gelb. Eine Wespe findet den Eingang zuerst. Später hängt eine Birne genau dort, wo das Tuch eine Falte macht. Sie sieht aus wie ein schlecht eingepackter Gegenstand, den niemand zurückgeben möchte. Als es dunkel wird, nimmt man das Netz nicht ab. Der Baum trägt die ganze Nacht seine umständliche Mütze.

05

Schnittkante

Ein Gedicht über einen gepflegten Baum, dessen neue Form fremd wirkt

Am Ahorn fehlen die oberen Zweige.
Die Gartenschere glänzt noch
auf der Mauer.

Jemand hat die Krone geöffnet,
für mehr Licht, sagt die Nachbarin,
für die Dachrinne, sagt der Mann.

Im Holz sind helle Kreise,
kleine Türen ohne Zimmer.
Eine Amsel landet,
findet ihren alten Platz nicht,
probiert einen neuen.

Ich trage die abgeschnittenen Äste
zum Kompost.
Sie sind leichter, als ich dachte.

Hinter mir bleibt der Ahorn stehen,
so ordentlich,
dass ich ihn erst am Abend
wiedererkenne.

06

Kassenbon in der Rinde

Ein kleines Stadtgedicht über eine beiläufige Spur am Stamm

Ein Kassenbon steckt
in der Rinde der Robinie.
Zwei Brötchen,
Milch,
Batterien.

Der Baum sagt nichts dazu.
Die Straße auch nicht.

Nur ich lese nach,
was heute gebraucht wurde.

Unter wechselnder Last

Wetter, Alter und Beschädigung verändern die Bäume, ohne sie zu Sinnbildern für alles Menschliche zu machen.

07

Frostlinie

Ein stilles Wintergedicht über einen jungen Stamm und seine Schutzfarbe

Am jungen Pflaumenbaum
reicht die weiße Farbe
bis knapp über den Schnee.

Darüber:
die dunkle Rinde,
verzweigt,
noch ohne Blüten.

Jemand hat den Stamm gestrichen,
gegen was auch immer nachts
vom Feld herüberkommt.

Im Morgengrauen
sitzt ein Spatz auf der hellen Grenze.
Er rutscht ein Stück,
fängt sich,
bleibt sitzen.

Die Sonne steigt.
Die Farbe bleibt noch feucht.

08

Ast im Acker

Ein Erzählgedicht über einen abgebrochenen Ast nach einem Unwetter

Nach dem Gewitter liegt ein Ast
quer über dem Ackerweg.
Der Traktor kommt nicht weiter,
der Hund bleibt stehen,
als sei der Weg jetzt abgesprochen.

Der Bauer zieht an der Rinde,
der Ast zieht nicht zurück.
Er hat noch grüne Blätter,
und an der Bruchstelle Harz.

Am Nachmittag kommt die Säge.
Das Holz fällt in drei Teile,
die Blätter bleiben liegen.

Ein Hase läuft aus dem Mais
und nimmt den Umweg.

Am nächsten Morgen ist der Weg frei.
Nur eine helle Stelle im Stamm
zeigt, wo der Ast
noch immer nicht vergessen ist.

09

Die Fichte vor dem Hochsitz

Eine nächtliche Waldszene, in der ein beschädigter Baum den Blick verstellt

Vom Hochsitz aus sehe ich
nur Fichte.
Nicht Reh,
nicht Schneise,
nicht Mond.

Der Baum steht zu nah,
mit einer braunen Seite,
wo früher Äste waren.

Unter mir knackt ein Zweig.
Ich hebe das Gewehr,
senke es wieder.

Die Fichte bewegt sich nicht.
Sie nimmt den ganzen Ausschnitt ein,
als wäre der Wald
für diesen Abend
bei ihr geblieben.

10

Apfelkern im Ärmel

Ein Spätsommerstück über eine alte Ernte, die als winziger Rest weiterreist

Im Ärmel meiner Arbeitsjacke
finde ich einen Apfelkern.
Nicht den schönsten Apfel,
nicht den süßesten –
der mit der Druckstelle,
den wir unter den Tisch legten.

Der Kern ist glatt vom Reiben
an Stoff und Arm.
Ich lege ihn auf die Fensterbank,
neben Schrauben, Garn und eine tote Fliege.

Draußen wird der Apfelbaum
von Minute zu Minute dunkler.
Ein Blatt löst sich,
bleibt kurz an der Dachrinne hängen,
fällt in den Hof.

Der Kern wartet nicht.
Er liegt einfach da,
klein genug für eine Tasche,
zu schwer für den Wind.