10 Originalgedichte
Gedichte über Regen in Stadt und Landschaft
Zehn neue Gedichte zeigen Regen als Störung, Geräusch, Spiel, Hintergrund und plötzliches Ereignis zwischen Asphalt, Fenstern, Gärten und Feldern.
Ein nasser Fahrschein klebt an der Hand, bevor der Regen überhaupt zum Thema wird. An der Haltestelle tropft eine Kapuze, im Garten biegt sich ein Salatblatt, und irgendwo läuft eine Baustelle weiter, als gäbe es nur einen anderen Takt.
Diese Sammlung bleibt nah an solchen Einzelheiten. Die Gedichte beobachten Regen in der Stadt und draußen, lassen Freude neben Gereiztheit, Nähe neben Gleichgültigkeit und Stille neben Bewegung stehen. Kein Schauer muss etwas erklären oder verändern. Manchmal reicht es, dass er fällt.
Unterwegs im Regen
Städtische Wege, kurze Begegnungen und praktische Hindernisse geben dem Regen eine sichtbare, oft widersprüchliche Gegenwart.
Fahrschein im Wasser
Ein knappes Alltagsgedicht über Eile, Nässe und einen missglückten Einstieg
Der Fahrschein wird weich
in meiner Jackentasche.
Vor dem Bus zählt jeder
noch einmal sein Kleingeld,
als wäre Trockenheit
eine Form von Ordnung.
Der Fahrer wartet nicht lange.
Ich steige ein,
mit einem Ärmel voller Regen
und dem falschen Gefühl,
den Anschluss schon verpasst zu haben.
Neben mir schüttelt jemand
seinen Schirm aus.
Wir sagen nichts.
Der Bus fährt los.
Kran über dem Platz
Eine äußere Bildfolge zwischen Baustellenlärm, Wasser und unbeirrter Arbeit
Der Kran hält den Himmel fest,
aber nur an einem Haken.
Unter ihm:
orangene Westen,
Pfützen mit Schrauben,
ein Eimer, der überläuft,
Mörtel, der nicht schneller wird.
Ein Mann zieht die Kapuze enger.
Eine Frau trägt zwei Bretter
wie eine schmale Tür.
Der Regen fällt schräg
in die offene Wohnung,
wo später ein Kinderzimmer
oder ein Büro sein wird.
Noch ist dort nur Beton,
der dunkler wird.
Unter der Markise
Ein kurzes Refrain-Gedicht über eine zufällige Versammlung vor einem Café
Wir warten, bis es nachlässt.
Der Kurier mit dem gelben Helm,
die Frau vom Nachbartisch,
der Mann, der keinen Schirm hat:
Wir warten, bis es nachlässt.
Das Wasser läuft vom Stoffdach
in einer geraden, lauten Linie.
Jemand bestellt noch einen Kaffee.
Jemand lacht über seine Schuhe.
Wir warten, bis es nachlässt.
Und als es nachlässt,
geht keiner sofort.
Innen- und Außenräume
Fenster, Zimmer und Garten verbinden das Wetter mit privaten Handlungen, Erinnerungsresten und unerwarteten Formen von Nähe.
Die Scheibe beschlägt
Ein stilles Fenstergedicht über zwei Menschen, die denselben Regen verschieden sehen
Du zeichnest keinen Kreis
in die beschlagene Scheibe,
sondern eine Treppe.
Draußen hängt der Regen
an den Drähten der Wäsche,
als hätte er dort etwas
zu erledigen.
Ich stelle die Tasse näher
zu deiner Hand.
Du schaust auf die Straße,
ich auf den Abdruck
deines Daumens im Glas.
Später wird die Treppe
wieder verschwunden sein.
Du wirst sagen: Es hört auf.
Ich werde nicken.
Garten nach der Pause
Ein spielerischer Text über nasse Pflanzen, Gartengeräte und einen kurzen Aufschub
Der Spaten liegt quer im Beet,
als hätte er gekündigt.
Die Bohnen hängen schwer,
die Amsel badet im Weg,
und auf dem umgedrehten Eimer
sammelt sich der Himmel
in einer kleinen, brauchbaren Menge.
Ich wollte jäten,
aber der Regen hat andere Pläne.
Er stellt sich nicht vor,
er diskutiert nicht,
er macht die Erde weich
und verschiebt den Nachmittag.
Das Unkraut freut sich zuerst.
Das Zimmer mit dem Eimer
Ein erzählendes Gedicht über einen kleinen Schaden und die sachliche Arbeit danach
In der Nacht stellte ich den Eimer
unter die Stelle an der Decke.
Er traf sie nicht genau.
Das Wasser fiel daneben
auf die Zeitung vom Dienstag.
Am Morgen war die Schlagzeile
aufgequollen und unlesbar.
Ich schob den Eimer,
legte ein Handtuch aus,
rief den Hausmeister an.
Er kam mit einem Schlüsselbund,
der nach Metall roch,
und sah lange nach oben.
Dann sagte er: Das wird dauern.
Der Regen hörte auf.
Die Decke blieb.
Nach dem Schauer
Das Ende des Regens öffnet keine einfache Auflösung, sondern verändert Geräusche, Wege und Blicke für einen kurzen Moment.
Fläche ohne Spiegel
Ein Naturgedicht über ein Feld, das nach dem Regen nicht sofort lesbar wird
Das Feld liegt flach
unter seinem nassen Gewicht.
Keine Spur vom Fuchs,
kein heller Rand am Graben.
Nur die Reifenspuren des Traktors,
mit Wasser gefüllt,
führen irgendwohin,
wo heute niemand hinwill.
Am Rand steht ein Baum
und tropft weiter,
obwohl die Wolken
bereits auseinandergehen.
Was soll ein Weg versprechen,
der noch glänzt?
Nachtbus mit offenem Fenster
Ein nächtliches Refrain-Gedicht zwischen Müdigkeit, Straßenlicht und unverhoffter Wachheit
Noch tropft die Stadt.
Vom Dach des Busses,
von den Zweigen,
von dem Schild an der Ecke:
Noch tropft die Stadt.
Ich sitze hinten,
mein Ticket trocken,
mein Kopf nicht.
An jeder roten Ampel
läuft Licht über die Sitze.
Noch tropft die Stadt.
Der Fahrer dreht die Heizung höher.
Jemand steigt aus und sagt:
Jetzt riecht es gut.
Ich lasse das Fenster offen.
Der Hof wird hell
Ein ruhiger Text über eine Nachbarin, Wäsche und das unspektakuläre Zurückkehren des Tages
Die Nachbarin trägt den Korb hinaus,
obwohl an den Leinen noch Tropfen hängen.
Sie prüft jedes Tuch,
als könne man Wetter
mit zwei Fingern abklopfen.
Auf dem Hof stehen Fahrräder,
Wasser in den Klingeln,
Blätter vor dem Abfluss.
Ein Kind schiebt einen Stock
durch die Pfütze,
bis ein kleiner Kanal
zum Gully reicht.
Die Nachbarin hängt die Wäsche auf.
Der Hof wird hell.
Mehr geschieht nicht.
Beim Gehen der Wolken
Ein offenes Schlussgedicht über einen Feldweg, einen Hund und die Gleichgültigkeit des Wetters
Der Hund schüttelt sich
vor dem Gartentor.
Nicht aus Freude,
nicht aus Ärger,
einfach weil sein Fell
zu schwer geworden ist.
Über den Wiesen
zieht der Regen davon,
als hätte er dort
nichts versprochen.
Ich bleibe noch stehen.
Das Gras hält an den Schuhen,
der Zaun säumt den Weg,
der Weg hält nichts.
Im Tümpel schwimmt ein Blatt
gegen den Wind.
Wer sagt, dass ein Ende
leiser werden muss?