10 Originalgedichte

Gedichte über den Alltag

Zehn originale Gedichte beobachten Wäschekörbe, Haltestellen, Pausenräume und Nachbarschaften, ohne aus jeder Kleinigkeit eine Lebensweisheit zu machen.

Gedichte über den Alltag müssen nicht vom großen Umbruch erzählen. Manchmal genügen ein falsch sortierter Ärmel, ein verspäteter Bus oder die kurze Verhandlung an der Kasse. Entscheidend ist der genaue Blick auf das, was sonst zwischen zwei Terminen verschwindet.

Diese Sammlung bleibt bei unscheinbaren Szenen und lässt ihnen ihre Widersprüche: Manche Augenblicke sind komisch, andere müde, zärtlich oder einfach offen. Die Gedichte wechseln zwischen privaten Haushalten, Arbeitsplätzen und öffentlichen Wegen. Nicht jede Beobachtung verlangt eine Erklärung.

Handgriffe

Private und berufliche Routinen werden aus der Nähe betrachtet: mit Körperlichkeit, kleinen Fehlern und einer Aufmerksamkeit, die nicht alles deuten muss.

01

Die linke Socke

Ein kurzer Waschmoment zwischen Ordnung und Eigensinn

Im Wäschekorb liegt sie wieder
allein, links herum,
mit dem grauen Rand nach innen.

Ich drehe sie um,
als könnte man eine Entscheidung
an einer Socke berichtigen.

Draußen fährt der Müllwagen vorbei,
sehr pünktlich,
sehr überzeugt von seiner Richtung.

Die andere Socke finde ich nicht.
Ich lege die einzelne
obenauf.

02

Die Schraube im Licht

Ein Monolog aus einer Werkstatt über einen Handgriff, der nicht gelingen will

Ich habe gesagt, das geht schnell.
Das sage ich immer, wenn jemand zusieht.

Die Schraube sitzt schief,
der Bit rutscht ab,
der Akkuschrauber macht dieses kleine Geräusch,
als würde er sich über mich beschweren.

Nebenan zählt jemand Kartons.
Eins, zwei, drei, vier.
Eine Zahl nach der anderen,
alle gerade genug.

Ich halte das Brett fest,
setze noch einmal an
und sage nichts.

03

Bon am Terminal

Eine fragmentarische Einkaufsszene mit einer kleinen Niederlage am Selbstbedienungsterminal

Zwiebeln.
Haferdrink.
Das Brot mit der Tüte,
die immer reißt.

Kasse vier:
Bitte legen Sie den Artikel
in die Ablage.

Ich lege ihn hin.
Ich nehme ihn weg.
Ich lege ihn wieder hin.

Das Gerät bleibt höflich.
Es duzt mich nicht.
Es kennt nur Gewicht.

Am Ende druckt es einen Bon,
lang wie ein schmaler Vorwurf.
Ich falte ihn zweimal
und stecke ihn zu den Quittungen.

04

Das Fenster zur Innenhofseite

Ein Prosagedicht über eine Reinigungskraft und den Moment nach dem Putzen

Wenn der Flur fertig ist, sieht man zuerst die eigenen Schuhe auf dem Boden. Nicht klar, nur als dunkle Bewegung unter dem Licht. Im dritten Stock steht ein Kinderwagen quer vor der Tür, obwohl das Schild daneben sagt, dass hier nichts stehen darf. Ich schiebe ihn zur Seite, wische um die Räder herum und lasse die feuchten Streifen trocknen. Im Innenhof hängt ein Hemd über dem Geländer. Es ist zu klein für den Mann, der es trägt, und zu groß für das Kind, dem es vielleicht gehört. Ich stelle den Eimer ab, öffne das Fenster und höre, wie jemand oben einen Schlüssel sucht.

Wege und Wartezeiten

Öffentliche Räume, Pendelstrecken und Pausen zeigen Menschen in Bewegung oder im vorläufigen Stillstand.

05

Die Anzeige bleibt gelb

Ein kompaktes Stück über zehn Minuten Verspätung und die Erfindung einer Gemeinschaft

Zehn Minuten.
Gelb auf schwarz.

Jemand seufzt,
als hätte der Bus
ihn persönlich vergessen.

Ein Kind zählt die Autos.
Achtzehn,
neunzehn.

Dann kommt kein Bus.
Wir zählen weiter.

06

Unter der Vitrinenbeleuchtung

Eine Arbeitspause zwischen Kantine, Müdigkeit und einem unbeabsichtigten Gespräch

In der Pause sitze ich dort,
wo die Vitrine mit den Torten steht.
Nicht weil ich Torte will.
Weil dort die Steckdose ist.

Mein Handy lädt,
mein Rücken nicht.

Die Kollegin aus dem Versand
setzt sich gegenüber und sagt,
dass ihr Sohn jetzt Messer sammelt.
Keine gefährlichen, sagt sie,
nur historische.

Wir essen beide Nudelsalat.
Auf der Scheibe hinter ihr
spiegelt sich die Sahnehaube.
Sie sieht aus wie Schnee,
der sich nicht entscheiden kann.

07

Der Automat nimmt nur passend

Eine kleine Nachtbeobachtung am Bahnhof, in der Münzen und Gedanken durcheinandergeraten

Ein Euro zu viel,
ein Euro zu wenig.
Die Maschine kennt keinen Zwischenraum.

Hinter mir telefoniert ein Mann
mit seiner Schwester
über den Preis von Fenstern.

Ich ziehe die Münzen heraus,
lege sie wieder ein,
als ließe sich Hartnäckigkeit
in Kleingeld messen.

Der Kaffee fällt.
Zu hell, zu heiß,
mit einem Deckel,
der nicht auf dem Becher sitzen will.

Ich trinke ihn trotzdem
und halte den Deckel
bis zur nächsten Treppe fest.

Kleine soziale Begegnungen

Begegnungen in Häusern und Straßen bleiben bei Gesten, Missverständnissen und kurzen Formen von Nähe, ohne sie abzuschließen.

08

Der Karton mit den Orangen

Eine Nachbarschaftsszene, die an einer Haustür beginnt und dort nicht ganz endet

Der Karton steht seit Dienstag
vor Ihrer Tür.
Heute klingele ich.

Sie öffnen im Bademantel,
obwohl es drei Uhr ist,
oder gerade deshalb.

Die Orangen rollen nicht,
sie liegen nur da,
als hätten sie sich geeinigt.

Sie sagen: Behalten Sie sie.
Ich sage: Nein, nein.
Wir sagen es noch zweimal.

Dann nehme ich eine,
Sie nehmen eine,
der Karton bleibt stehen.

Im Treppenhaus riecht es nach Seife.
Ich schäle die Orange erst oben.

09

Der Name auf dem Paket

Ein kurzer Monolog über eine Zustellung, die zwei fremde Personen miteinander verwechselt

Ihr Paket liegt bei mir,
mein Paket liegt bei Ihnen.
Das sagt der Zettel.

Ich trage es hinüber.
Sie tragen Ihres her.

Wir stehen gleichzeitig
auf den Fußmatten,
beide mit demselben Blick:
Wer bestellt so etwas?

Sie haben eine Lampe.
Ich habe dreißig Haken.

Wir tauschen,
sagen schönen Abend
und gehen zurück,
als wäre die Sache geklärt.

Im Flur höre ich,
wie bei Ihnen etwas umfällt.

10

Bevor der Laden schließt

Eine stille Begegnung zwischen einer Verkäuferin, einem verspäteten Kunden und einem heruntergelassenen Gitter

Ich sehe Sie schon von weitem,
mit dem schnellen Gang,
der nichts mehr beschleunigt.

Das Gitter ist halb unten.
Ich halte es mit dem Fuß.

Sie kaufen Batterien,
als wäre die Stadt
von diesem Licht abhängig.

Hinter Ihnen wartet niemand.
Vor Ihnen auch nicht.

Sie sagen Danke.
Ich sage Bitte.

Dann ziehe ich den Fuß zurück.
Das Gitter sinkt,
und im Schaufenster
bleibt unser Spiegelbild
noch einen Augenblick offen.