10 Originalgedichte
Gedichte über Katzen aus verschiedenen Blickwinkeln
Zehn neue Originalgedichte beobachten Katzen in Wohnungen, Höfen und Straßen – aufmerksam, manchmal heiter, manchmal rau und ohne sie zu vermenschlichen.
Eine Katze sitzt auf dem Rand der Badewanne, während aus dem offenen Fenster der Lärm der Müllabfuhr steigt. Später verschwindet ein anderes Tier unter einem Lieferwagen, und am Abend liegt eines im warmen Staub eines Treppenhauses. Katzen bleiben in diesen Gedichten konkrete Tiere: mit Gewicht, Fell, Hunger, Vorsicht und eigenen Wegen.
Die Sammlung wechselt zwischen Wohnung und Hinterhof, Regen und Hitze, beiläufiger Nähe und deutlicher Fremdheit. Manche Texte eignen sich zum Vorlesen, andere leben von einer kurzen Szene oder einem schrägen Blick. Alle Gedichte sind neu für Gedichthain entstanden.
Wo Katzen auftauchen
Die ersten Gedichte setzen Katzen in unterschiedliche alltägliche Räume und lassen ihre Bewegungen aus wechselnden menschlichen Blickhöhen sichtbar werden.
Die Stille auf dem Fliesenrand
Ruhiges Gedicht für einen frühen Morgen im Badezimmer
Auf dem Rand der Badewanne
sitzt die graue Katze
und hält den Schwanz
über dem Abfluss.
Im Spiegel hinter ihr
steht mein Gesicht
noch ohne Entscheidung.
Der Wasserhahn tropft.
Sie schaut nicht zu mir.
Sie schaut zum Fenster,
wo ein Kran langsam
über die Dächer zieht.
Als ich die Tür öffne,
springt sie hinunter.
Das Bad bleibt hell.
Hinter dem Rolltor
Nicht-idyllische Stadtszene mit einer vorsichtigen Katze
Hinter dem Rolltor der Werkstatt
liegen Reifen, Kabel, ein Eimer mit schwarzem Wasser.
Die Katze kommt nicht näher,
obwohl neben mir eine offene Dose steht.
Sie prüft den Boden,
die Pfütze mit dem Ölfilm,
den Geruch von heißem Metall.
Ein Presslufthammer beginnt im Nachbarhaus.
Für einen Augenblick hebt sie den Kopf,
als könnte Lärm eine Richtung sein.
Dann läuft sie zwischen zwei Paletten hindurch,
so schmal, dass selbst der Schatten nicht nachkommt.
Die Dose bleibt offen.
Der Hof wird nicht freundlicher.
Vier Stellen am Fenster
Kataloggedicht über eine Wohnungskatze im wechselnden Licht
Am Morgen: der Abdruck einer Pfote
auf dem beschlagenen Glas.
Gegen Mittag: drei Haare
im Klettverschluss der Tasche.
Nach dem Regen: die Katze
auf dem Heizkörper, Rücken zur Straße.
Kurz vor Mitternacht:
ein leerer Platz auf dem Teppich,
die Gardine bewegt sich,
obwohl kein Fenster offen ist.
Wetter, Wege und Gewohnheiten
Diese Texte folgen Katzen durch Regen, Hitze und nächtliche Wege, ohne aus dem Wetter eine einfache Lösung oder Trostformel zu machen.
Regen im Futterhaus
Kurzes Vorlesegedicht über einen nassen Hof
Die Schale steht unter dem Vordach,
doch der Wind findet sie.
Wasser sammelt sich im Trockenfutter,
die Katze wartet daneben.
Sie setzt eine Pfote hinein,
zieht sie zurück,
wartet noch einmal.
Dann frisst sie, was trocken geblieben ist,
und geht durch den Regen.
Mittag unter dem Markisenstoff
Helles Gedicht über Hitze, Schatten und genaue Körperlichkeit
Die Katze liegt dort, wo der Schatten endet,
mit einer Flanke auf den kühlen Steinplatten,
mit der anderen schon im weißen Licht.
Vom Balkon gegenüber fällt ein Löffel.
Ein Kind ruft nach Wasser.
Die Markise knackt bei jedem kleinen Windstoß.
Die Katze hebt den Kopf,
öffnet ein Auge,
entscheidet nichts für uns.
Um drei ist der Schatten weitergezogen.
Sie folgt ihm nicht sofort.
Nachtweg mit drei Zäunen
Nächtliche Folge aus kurzen Beobachtungen und offenen Übergängen
Erster Zaun:
überklettert.
Zweiter Zaun:
unterquert.
Dritter Zaun:
zu hoch.
Die Katze sitzt davor,
als hätte sie den Weg
nicht verloren,
sondern beendet.
Hinter dem Zaun
läuft eine Straße.
Vor ihr
beginnt das Gras.
Welche Seite zählt,
wenn niemand ruft?
Inventar eines Katzenhauses
Trockenes Kataloggedicht mit einem kleinen komischen Bruch
Ein Kratzbrett, kaum benutzt.
Eine Decke, auf der niemand schläft.
Zwei Näpfe, einer mit Wasser,
einer mit einer Fliege darin.
Ein Karton vom Drucker,
aufgeschnitten und wieder zugemacht.
Ein Spielzeugfisch unter dem Sofa.
Ein Mensch, der behauptet,
er habe die Rechnung noch.
Die Katze wohnt im Karton.
Die Rechnung wohnt im Menschen.
Nähe ohne Besitz
Die letzten Gedichte verschieben den Blick auf Erinnerung, Begegnung und Abwesenheit: Katzen bleiben eigenständig, auch wenn Menschen ihnen Bedeutung geben.
An die Katze auf der Treppe
Dramatische Anrede über eine kurze Begegnung im Hausflur
Du sitzt auf Stufe sieben,
zwischen dem Geruch nasser Schuhe
und dem Licht, das aus dem Keller kommt.
Ich sage deinen Namen nicht.
Du hast keinen Grund,
mir einen zu geben.
Wir teilen für einen Moment
die schmale Treppe:
Du weichst nach links,
ich nach rechts,
beide mit dem Blick
auf die nächste Stufe.
Unten schlägt eine Tür.
Du gehst hinauf.
Ich bleibe stehen,
bis dein Rücken
im oberen Dunkel verschwindet.
Das Foto im Schuhkarton
Leises Gedicht über Erinnerung ohne eindeutige Auflösung
Im Schuhkarton liegt ein Foto,
auf dem eine Katze halb aus dem Bild läuft.
Nur der Kopf ist scharf,
der Rest wird Garten, Zaun, Nachmittag.
Jemand hat hinten ein Datum notiert.
Keine Namen.
Ich lege das Foto zurück,
unter die Schnürsenkel,
die seit Jahren niemand trägt.
Als ich den Deckel schließe,
ist draußen ein Geräusch,
kurz und trocken,
wie eine Pfote auf Kies.
Die Katze und der leere Stuhl
Schlichtes Gedicht über Anwesenheit, Gewohnheit und einen Ortswechsel
Der Stuhl steht noch am Fenster,
obwohl der Tisch längst anders steht.
Am ersten Tag springt die Katze hinauf.
Am zweiten auch.
Am dritten bleibt sie unten
und schaut nur kurz.
Wir tragen den Stuhl in den Flur.
Dort bleibt er zwei Wochen.
Dann kommt er in den Keller.
Am Abend sitzt die Katze
auf dem Boden vor der Kellertür.
Nicht auf dem Stuhl.
Nur davor.
Im Fenster spiegelt sich jetzt
mehr Wand als Garten.