10 Originalgedichte

Poetry Slam Gedichte: Bühnentexte und leise Lyrik

Zehn originale Texte zwischen leiser Beobachtung, öffentlicher Rede, trockenem Humor und dem Moment, in dem eine letzte Zeile den Raum verändert.

Ein guter Poetry-Slam-Text muss nicht laut beginnen. Manchmal reicht ein Satz, der sich weigert, harmlos zu bleiben. Diese Sammlung verbindet sprechbare Rhythmen mit genauer Beobachtung: kurze Zeilen neben langen Atemzügen, Kataloge neben Anreden, ein Prosagedicht neben einem kompakten Auftrittsstück.

Alle zehn Gedichte sind Originaltexte für Gedichthain. Sie greifen unterschiedliche Situationen auf – vom überfüllten Aufzug bis zum stillen Tisch am Morgen – und setzen auf konkrete Bilder statt auf fertige Gefühlsformeln. Manche Texte suchen Nähe, andere Widerspruch oder ein kleines Lachen. Viele der Texte sind auf einen mündlichen Vortrag hin angelegt.

Nahaufnahme mit Gegenstimme

Intime Situationen erhalten einen klaren Rhythmus und kippen an einer unerwarteten Stelle in Widerspruch oder Offenheit.

01

Die Tasse mit dem zweiten Henkel

Ein leises Küchengedicht über Gewohnheit, Abwesenheit und einen Satz, der nicht fertig wird.

Du stellst die Tasse dorthin,
wo sie immer stand,
obwohl niemand mehr
auf dieser Seite des Tisches sitzt.

Der Kaffee dampft in Richtung Fenster,
als hätte Wärme eine Adresse,
als könnte sie anklopfen,
als könnte sie sagen:
Ich bin nicht gekommen,
um dich zu erinnern.

Du trinkst.
Du stellst die Tasse ab.
Der zweite Henkel bleibt frei.

Nicht leer.
Nur frei.

02

Die Rechnung kennt meinen Namen

Ein schneller Alltagsmonolog über Bürokratie, Selbstbild und einen überraschend persönlichen Kassenzettel.

Ich wollte nur Milch.

Milch und diese kleinen Kekse,
die aussehen, als hätten sie
in einer Sitzung beschlossen,
niemals glücklich zu werden.

Dann fragt die Kasse nach meiner Kundenkarte,
auf dem Kassendisplay steht mein Name,
auf dem Bon meine Kundennummer,
darunter Milch und diese kleinen Kekse,
und plötzlich liegt da mein halber Alltag
zwischen Pfandbon und Sonderangebot:

Geboren.
Bezahlt.
Bestätigt.

Ich sage: Danke.

Die Rechnung sagt nichts.
Sie kennt meine Nummer trotzdem besser
als die meisten Menschen,
die mich ungefragt duzen.

03

Nachricht an meinen künftigen Körper

Ein direktes, nicht pathetisches Selbstgespräch über Alter, Tempo und die Würde kleiner Umwege.

Hör zu,
wir werden vielleicht nicht alles behalten.
Vielleicht nicht jede Treppe,
vielleicht nicht jeden Namen,
vielleicht nicht den Grund,
warum wir einmal
so dringend losmussten.

Aber wir werden wissen,
wie sich ein warmer Stein
in der Jackentasche anfühlt.

Wir werden langsamer sein,
ja.
Vielleicht sogar absichtlich.

Und wenn jemand fragt,
warum wir stehen bleiben,
sagen wir:
Weil dort gerade
etwas geschieht,
das ohne Etikett auskommt.

Draußen wird gesprochen

Die Perspektive wechselt in öffentliche Räume: Beobachtungen, Ansprüche und kleine soziale Reibungen tragen den Vortrag.

04

Protokoll einer Aufzugfahrt

Ein Prosagedicht über fünf Etagen, höfliches Schweigen und die demokratische Macht eines roten Knopfes.

Wir steigen im Erdgeschoss ein: eine Frau mit nassem Haar, ein Mann mit einem Karton voller Glühbirnen, ein Kind, das behauptet, der Aufzug fahre nicht nach oben, sondern nur weg. Niemand widerspricht. In der zweiten Etage steigt der Mann aus und lässt beinahe den Karton zurück, als wäre er eine Aufgabe. In der dritten Etage fragt die Frau, ob jemand weiß, welcher Knopf für das Licht zuständig ist. Das Kind drückt alle. Für drei Sekunden leuchten alle Knöpfe, und wir sehen einander an. Dann sagt die Frau: So müsste man sich manchmal treffen. Mit nichts in der Hand, das man erklären kann. Im fünften Stock öffnet sich die Tür. Keiner steigt aus.

05

Wir sind die Lücke im Programm

Ein kollektiver Slam-Text über Menschen, die nicht vorgesehen waren und trotzdem den Abend tragen.

Wir sind nicht angekündigt.
Wir stehen nicht auf dem Plakat.
Unser Name passt nicht
unter die Sponsorenzeile.

Wir kommen trotzdem.
Mit Schuhen, die Geräusche machen.
Wir rücken die Turnmatten beiseite.
Die Kaffeemaschine tropft
auf den Tisch mit dem Hallenplan.
Unser Lachen beginnt zu spät,
steigt unter den Basketballkörben auf
und kommt von der Hallendecke zurück.

Wir sind die Lücke im Programm,
der Moment nach dem Tusch,
die Hand, die sich hebt,
obwohl niemand gefragt hat.

Und wenn das Mikrofon ausfällt,
sprechen wir eben so lange,
bis auch die hinterste Reihe
merkt, dass sie dazugehört.

06

Rede an den Mann mit dem quietschenden Schuh

Eine spielerische dramatische Anrede, in der ein Geräusch wichtiger wird als jede große Erklärung.

Sehr geehrter Herr,
Sie gehen durch den Saal,
als würden Sie den Boden
persönlich zur Ordnung rufen.

Links: klatsch.
Rechts: klatsch.
Bei der Tür: ein entschlossenes Quietschen.

Alle drehen sich um.
Nicht wegen Ihnen,
sondern weil Ihr Schuh
etwas sagt,
das wir uns seit Stunden
nicht zu sagen trauen:

Ich bin noch da.
Ich bin nass.
Ich habe einen Weg hinter mir.

Bitte gehen Sie weiter.
Bitte bleiben Sie kurz.
Bitte lassen Sie den Boden
heute nicht davonkommen.

Dinge mit eigener Meinung

Konkrete Gegenstände übernehmen Handlung und Haltung, ohne zu bloßen Symbolen zu werden.

07

Inventar einer verlorenen Stimme

Ein Kataloggedicht, das eine Stimme nicht erklärt, sondern in Gegenständen und Geräuschen verteilt.

Ein Löffel mit Zahnpastaschaum.
Ein Schlüssel, der nachts im Schloss kratzt.
Das dreimalige Räuspern vor dem Telefon.
Ein Name, zu schnell ausgesprochen.

Die helle Stelle auf dem Teppich,
wo früher ein Lautsprecher stand.

Ein Husten im Nebenzimmer.
Ein Satz, der an der Tür endet.
Die Gewohnheit, beim Lachen
kurz wegzusehen.

Eine Tüte mit Schrauben,
keine davon passend.

Und auf dem Küchentresen:
ein Glas Wasser,
das niemand austrinkt,
aber jeden Morgen
neu hinstellt.

08

Der Stuhl dreht sich nicht

Ein kompaktes Bühnenstück über Erwartung, Stillstand und die Komik eines Möbelstücks, das nicht mitspielt.

Ich setze mich.

Der Drehstuhl knarrt nicht.

Ich warte auf ein Zeichen,
eine Bewegung,
einen kleinen Verrat der Mechanik.

Nichts.

Also erzähle ich ihm
meine beste Geschichte.

Der Drehstuhl bleibt gerade.

Ich erzähle ihm meine schlechteste.

Er bleibt gerade.

Am Ende stehe ich auf
und verbeuge mich.

Der Drehstuhl dreht sich nicht.
Aber ich glaube,
er hat zugehört.

Wenn der letzte Satz bleibt

Die Schlussbewegungen lösen nicht immer auf: Sie können zurückspiegeln, offenlassen oder nüchtern feststellen.

09

Fünf Zeilen gegen den Lärm

Ein sehr kurzes Stück für den Vortrag, das mit einem Widerspruch beginnt und in eine sachliche Ruhe fällt.

Ich bin nicht still,
weil mir nichts einfällt.

Ich bin still,
weil der Raum gerade
ohne mich auskommt.

10

Die Stadt zahlt in Kleingeld

Ein rhythmischer Stadttext über Mühe, Zufall und eine Öffentlichkeit, die sich nur kurz zu erkennen gibt.

Die Stadt zahlt in Kleingeld:
mit einem Fahrrad, das vor der Bäckerei umfällt,
mit einer Frau, die im Gehen vergisst, wohin sie wollte,
mit dem Jungen, der eine Taube duzt,
mit dem Bus, der genau dann kommt,
wenn niemand mehr an ihn glaubt.

Sie zahlt mit Baustellenlärm,
mit drei offenen Fenstern,
mit einer Jacke auf dem Zaun,
die keinem gehört und trotzdem
bis zum Abend trocken bleibt.

Ich sammle nichts davon.
Ich gehe hindurch,
als wäre ich nur der nächste Satz
in einer Sprache,
die sich selbst noch nicht entschieden hat.

An der Kreuzung dreht der Wind
ein Werbeschild um.
Die Rückseite ist weiß.