10 Originalgedichte

Gedichte zur Hochzeit für Karte, Trauung und Feier

Zehn neue Gedichte über das Ja zueinander, den gemeinsamen Alltag und die kleine Arbeit, aus zwei Leben ein Miteinander zu machen.

Eine Hochzeit verspricht nicht, dass jeder Tag leicht wird. Sie markiert eher die bewusste Entscheidung, Schwieriges nicht automatisch allein tragen zu müssen. Die folgenden Originalgedichte sprechen von Nähe ohne Kitsch, von Festlichkeit ohne Rollenklischees und von einer Ehe, die im Alltag Gestalt gewinnt.

Manche Verse passen auf eine Karte, andere lassen sich bei der Feier vorlesen. Zwischen leiser Zärtlichkeit, trockenem Humor und einem Blick auf die unscheinbaren Handgriffe bleibt Raum für unterschiedliche Paare, Lebensentwürfe und Formen des Zusammenlebens.

Kurze Verse für die Karte

Kompakte Gedichte für persönliche Glückwünsche, ohne große Versprechen und ohne festgelegte Rollenbilder.

01

Das Ja im Portemonnaie

Ein kurzer Kartengruß über eine Entscheidung, die mit in den Alltag geht.

Ihr habt kein Märchen unterschrieben.
Nun habt ihr vielleicht einen Namen mehr
auf der Notfallliste,
einen Schlüssel,
der manchmal klemmt,
und dieses klare Ja,
das auch am Montag
noch in eurer Tasche liegt.

02

Zwei Schirme

Ein leiser Glückwunsch für Menschen, die einander nicht besitzen, aber begleiten.

Wenn es regnet,
nehmt ihr nicht denselben Weg,
aber ihr wisst,
wo der andere wartet.
Zwei Schirme,
ein nasser Gehweg,
ein Lachen über die Schuhe.
So kann Nähe aussehen:
nicht enger,
sondern verlässlich.

03

Kein großer Satz

Ein zurückhaltender Kartentext für eine Ehe ohne pathetische Garantie.

Kein großer Satz soll euch bewachen.
Kein Vers muss behaupten,
dass alles bleibt.
Es genügt vielleicht:
Ihr findet einander wieder,
zwischen Terminen,
mit kalten Händen,
zu spät gekochter Suppe
und dem Mut,
noch einmal anzufangen.

Vorlesbar für die Feier

Gedichte mit klarer Stimme, hörbarem Rhythmus und unterschiedlichen Blickwinkeln für einen Vortrag vor Gästen.

04

Rede an die beiden Stühle

Eine dramatische Anrede mit einem kleinen Seitenblick auf das gemeinsame Sitzen und Aufstehen.

Ihr beiden Stühle,
heute noch geschniegelt unter weißen Hussen,
ihr wisst es längst:
Eine Ehe besteht nicht daraus,
dass zwei Menschen immer nebeneinandersitzen.
Manchmal steht eine Person auf,
bevor die andere fertig ist.
Manchmal bleibt eine zurück,
mit einem Satz, der noch nicht gesagt wurde.
Ihr werdet Rücken sehen,
Mäntel tragen,
Kleider auffangen,
und irgendwann eine Jacke,
die niemand ordentlich über euch hängt.
Passt gut auf.
Nicht auf die Ordnung.
Auf die Rückkehr.

05

Die Ordnung der Namen

Ein Gedicht über Anrede, Selbstbestimmung und das Finden einer gemeinsamen Sprache.

Ihr zwei,
heute seid ihr hier,
mit euren Namen,
so verschieden wie eure Stimmen.
Keiner muss verschwinden,
damit ein Wir entsteht.
Kein Name ist die Tür,
durch die der andere gehen muss.
Ihr könnt euch rufen,
wie ihr wollt:
mit vollem Namen,
mit einem Blick,
mit dem Satz,
komm, wir müssen los.
Und wenn die Formulare fragen,
wer zu wem gehört,
dürft ihr später antworten:
Wir gehören nicht einander.
Wir gehören zusammen.

06

Gebrauchsanweisung für einen Festtag

Ein heiteres Kataloggedicht über die vielen kleinen Tätigkeiten, aus denen Verbindlichkeit entsteht.

Man nehme:
zwei Menschen mit eigenen Plänen,
einen Kalender, der zu klein ist,
einen Streit über die richtige Abkürzung,
Geduld in ungleicher Dosierung,
einen freien Abend,
der plötzlich keiner mehr ist,
und die Bereitschaft,
das letzte Stück Kuchen nicht heimlich zu essen.
Man rühre nichts glatt.
Man lasse Pausen zu.
Man prüfe die Verbindung
nicht am Glanz des Festes,
sondern daran,
wer den vergessenen Mantel holt,
wer zuhört,
wer sagt: Das war mein Fehler.
Dann stelle man beides nebeneinander:
das Fest und den nächsten Werktag.

07

Wenn die Musik schweigt

Ein ruhiger Vortragstext über den Übergang vom Fest in den gewöhnlichen Abend.

Wenn die Musik schweigt,
bleibt kein Beweis zurück.
Nur Stühle rücken,
Stimmen werden leiser,
jemand sucht sein Telefon,
jemand sammelt die Karten ein.
Auch ihr werdet zurückkehren
in Zimmer mit ungewaschenen Tassen,
in Wochen, die nichts von heute wissen.
Dort wird sich zeigen,
was ihr einander versprochen habt:
nicht im hellsten Moment,
sondern beim Öffnen der Tür,
wenn eine Hand schon nach dem Lichtschalter sucht
und die andere noch draußen ist.

Gemeinsamer Alltag

Gedichte über Ehe als fortlaufende Praxis: mit Humor, Reibung, Aufmerksamkeit und unspektakulärer Nähe.

08

Der Briefkasten am Donnerstag

Eine Alltagsszene über das Weitergehen nach dem Fest und die geteilte Verantwortung.

Am Donnerstag trägt der Briefkasten
keine Blumen,
sondern Werbung,
eine Rechnung,
einen Umschlag ohne Absender.
Du hältst ihn auf,
ich nehme die Post heraus.
Wir sagen nicht viel.
Der Tag war lang,
die Treppe enger als sonst.
Oben setzt du Wasser auf.
Ich suche den Schlüssel,
der natürlich in meiner Hand liegt.
Später wird einer von uns
an das Fest denken,
aber nicht laut.
Wir haben jetzt andere Dinge:
Papier falten,
Müll hinunterbringen,
fragen, ob du gegessen hast.
Die Ehe beginnt nicht heute.
Sie liegt bereits zwischen den Briefen.

09

Zwei verschiedene Wecker

Ein humorvoller Morgenmoment für Paare mit ungleichen Rhythmen.

Dein Wecker glaubt an sechs Uhr.
Meiner an sieben.
Beide halten sich
für moralisch überlegen.
Der erste klingelt,
der zweite schweigt beleidigt.
Dazwischen suchen wir
nach einem Kompromiss,
der keine Schlummertaste braucht.
Du stehst auf.
Ich bleibe liegen.
Keiner von uns gewinnt.
Später stellst du mir Kaffee hin,
ich ziehe die Decke glatt.
So verhandeln wir
über Zeit,
über Lärm,
über das Recht,
noch fünf Minuten
nicht ansprechbar zu sein.
Dann beginnt der Tag
mit zwei verschiedenen Weckern
und demselben Flur.

10

Was wir beschließen

Ein Gedicht für eine Feier oder Karte über Absprachen, Widerspruch und erneute Verständigung.

Wir beschließen nichts für immer.
Wir beschließen für heute:
bei Gegenwind nicht sofort
alles Gesagte zu glauben,
die Tür nicht als Argument
zu benutzen,
dem Schweigen einen Stuhl zu geben,
aber nicht den ganzen Raum.
Wir beschließen,
verschiedene Erinnerungen
nebeneinander stehen zu lassen.
Wir beschließen,
uns zu widersprechen,
ohne den anderen kleiner zu machen.
Und wenn einer von uns
keine Worte findet,
bleibt der andere nicht aus Pflicht,
sondern weil Nähe manchmal heißt,
noch da zu sein,
während die Antwort fehlt.